»Ich sehne mich nach dem Wunderbaren«
Publik-Forum: Herr Wecker, haben Sie heute schon meditiert?
Konstantin Wecker: Heute nicht. Seit zwei Jahren bin ich etwas nachlässig.
Aber Meditieren gehört sich doch für einen Mönch.
Wecker: Ja, natürlich. Wir müssen aber darauf achten, was wir mit Meditieren meinen. Buddha sagt: Es gibt so viele Wege der Meditation, wie es Menschen gibt. Bei mir war es immer das Klavierspielen, besonders das Improvisieren. Da kann man sich so sehr forttreiben lassen, dass alle Nebenschauplätze verschwimmen, die dauernd im eigenen Denken präsent sind.
Der Titel Ihres jüngsten Buchs heißt »Mönch und Krieger«. Sehen Sie sich wirklich als Mönch?
Wecker: Nicht im klassischen Sinn. »Mönch und Krieger« ist ein Zitat aus einem meiner Lieder. Es sind zwei Symbole, die für eine Idee stehen, die ich mit dem Buch vermitteln will: dass es möglich ist, Spiritualität und politisches Engagement miteinander zu verbinden. Natürlich klingt es zunächst eigenartig, wenn ein Mensch vom Mönchischen spricht, der einmal geschrieben hat: »Wer nicht genießt, ist ungenießbar« und »Genug ist nicht genug«. Aber die Sehnsucht nach einem Leben in Kontemplation war schon immer in mir. Manchmal gelang es mir auch, so zu leben – allerdings nie allzu lang (lacht).
Und wie ist das mit dem Krieger in Ihnen?
Wecker: Das Kriegerische zu betonen klingt noch provokanter, weil ich ja ein bekennender Pazifist bin. Aber für mich ist das Kriegerische ein Symbol dafür, dass Pazifismus nicht heißt, ein Weichei zu sein. Einer, der sich nur hinstellt und links und rechts ohrfeigen lässt. Man kann als Pazifist radikal sein.
Brauchte es die Reife des Alters, um solche Gedanken formulieren zu können?
Wecker: Bestimmt. Wobei ich zu meinen spirituellen Erlebnissen immer stand, die ich schon als Kind hatte. Es waren Erlebnisse, durch die mir klar wurde, dass es mehr Dinge gibt »zwischen Himmel und Erde, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt«, wie es bei Shakespeare so schön heißt. Einen großen nonrationalen Raum, den wir nicht mit dem Denken erfassen, den wir aber erahnen können.
Und den Sie Gott nennen?
Wecker: Mit dem Wort Gott habe ich so meine Probleme, aber ich benutze es. Selbst in der Zeit, als ich alles geschlachtet habe, was nur mit Religion und Gott zu tun hat, als ich ein junger Mann und glühender Atheist war, hatte ich beispielsweise nie Probleme mit dem Gott Rilkes. »Was wirst du tun Gott, wenn ich sterbe?«, fragt er in einem Gedicht. Rilke denkt darüber nach, ob es Gott nur dann gibt, wenn er von uns angeschaut wird. Ebenso können wir fragen: Gibt es den Mond, wenn wir ihn nicht anschauen? Gibt es überhaupt irgendetwas, das wir nicht anschauen? Ähnliches lehrt uns die Quantenmechanik: dass nur, wenn wir hinschauen, etwas passiert.
Und so ist das auch mit Gott – eine Einbildung und deswegen existent?
Wecker: Möglicherweise.
In welchen Momenten fühlen Sie sich Gott besonders nahe?
Wecker: Wenn ich Musik mache, oft auch, wenn ich Gedichte lese. Die schönsten spirituellen Erlebnisse sind aber einfach passiert. Die kann man nicht erzwingen, indem man sagt: Jetzt meditiere ich fleißig. Es gibt Leute, die haben ihr Leben lang überhaupt nicht über Spiritualität und Meditation nachgedacht und hatten dennoch ein Erleuchtungserlebnis.
Erleuchtung – ein Begriff aus dem Buddhismus …
Wecker: Ich habe viel über Buddhismus gelesen und Bernie Glassman, den jüdischen Zenmeister aus den USA, einmal gefragt: Was ist Erleuchtung? Er sagte: »So genau weiß ich das auch nicht, aber ich glaube, erleuchtet ist man, wenn man, was man tut, wirklich tut.« Das finde ich grandios.
Gibt es auch Mönchstraditionen, von denen Sie etwas für sich gelernt haben?
Wecker: Ja, von den Wüstenvätern, den ersten frühchristlichen Mönchen. Auch von Mystikern wie Meister Eckhart, den ich sehr verehre. Und überhaupt von Menschen, die die Gabe und Fähigkeit besitzen, so in sich zu gehen, dass sie uns von dem Abenteuer, das sie in sich erleben, etwas erzählen können. Dieses mystische Verständnis, dass man Gott, wenn überhaupt, in sich erfahren kann, ist mir sehr nah. Über den Buddhismus habe ich vor Jahren zur christlichen Mystik gefunden.
Sie sind 2002 aus der katholischen Kirche ausgetreten. Fühlen Sie sich heute einer Religionsgemeinschaft besonders nah?
Wecker: Wenn jemand sagen würde, ich sei Katholik, Methodist, Schiit oder sonst etwas, würde ich das beinahe als Kriegserklärung empfinden. Aber: Ich fühle mich dem »Mann aus Nazareth«, wie Eugen Drewermann sagt, sehr verbunden. Drewermann sagt bewusst »Mann aus Nazareth«, weil er betonen will, dass Jesus ein Mensch war und er eine unglaublich schöne, große Idee in die Welt gebracht hat: die der Liebe und des Mitgefühls. Die Idee hat sich gehalten, aber sie ist leider nicht besonders toll verwaltet worden von den Kirchen. Ich kann also sehr wohl eine Liebe zu Christus und zum Christentum teilen. Aber nicht zu dem, was die Kirchen damit angestellt haben.
Sind Sie aus Reflex zum Atheisten geworden?
Wecker: Das war sicher so. Aber: Ich habe nie aufgehört, mich mit der Sehnsucht nach dem Wunderbaren zu beschäftigen. Die Kabbalisten nennen es auch die Sehnsucht nach dem Ewigen: Wir leben im Unvollkommenen, haben eine Ahnung, woher wir kommen und wo wir sind, aber sind durch unser Denken nicht in der Lage, es zu erfassen. Diese Suche war immer spannend.
Gab es ein Erlebnis, durch das Sie zum Glauben gefunden haben?
Wecker: In gewisser Weise war es meine Zeit im Gefängnis. Ich will keine Hymnen darauf singen, nach dem Motto: Lasst euch einsperren, dann werdet ihr erleuchtet. Aber für mich war es eine Chance: Bedingt durch meine Drogensucht hatte ich zwei Jahre in einer Art Dauerparty verbracht, war überhaupt nicht bei mir. Dann kam ich in die Zelle. Es war eine mönchische Zelle, die mir da bereitet wurde. Das hat mir damals schon sehr geholfen, ja.
Sie haben gelebt wie ein Mönch?
Wecker: Notgedrungen. Ich habe es auch so angenommen. Einen Fernseher hätte ich haben können, habe aber darauf verzichtet. Ich habe nicht mal gelesen und diese vielen langen Stunden letztlich als etwas wahrgenommen, das mir sehr gutgetan hat.
Da sind Sie eingetaucht in die »Wolke des Nichtwissens«, wie es bei den Buddhisten heißt?
Wecker: Ja, in gewisser Weise. Das ist ja das Allerschönste: einzutauchen in diese Wolke. Es sind jene raren Momente, in denen der lästige Verstand einmal ruhig ist. Diese Sorgen und Ängste, die Erinnerungen, die plötzlich auftauchen und die man nicht haben will. Der Versuch zu meditieren hat sicher damit zu tun, dass man das Denken fokussieren, konzentrieren und am besten mit einem Knopfdruck abschalten möchte.
Und dann befindet man sich in der Wolke?
Wecker: Ja, es gab auch eine Situation, da war ich drin: Vor einem halben Jahr habe ich mir das Jochbein gebrochen. Ich hatte große Schmerzen und bin in der Nacht aufgestanden, wollte meditieren. Eigentlich eine blöde Idee. Wenn man Schmerzen hat, geht das eigentlich nicht. Aber in einem Moment waren meine Schmerzen auf einmal weg. Wenn man so will, war ich in einem anderen Zustand. Ich wusste, ich war nicht erleuchtet. Aber ich wusste, was Erleuchtung ist. Und das war unglaublich angenehm. Ich wusste, dass man sogar aufgeben darf, die letzten Fragen zu stellen. Ich werde es trotzdem tun, weiter fragen nach dem großen Geheimnis, der Weltformel. Aber es gibt einen Zustand – den habe ich erahnen können –, wo man unglaublich zufrieden damit ist, dass man nichts weiß.
