Katholische Doppelspitze?
In den frühen Jahren der Bundesrepublik war das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) sehr mächtig. Es bildete praktisch den katholischen, kirchengebundenen Teil der in Bonn regierenden CDU/CSU. Doch: Tempi passati! All dies ist lange vorbei. Aus der schwarzen Einfluss-Truppe in der alten Bundesrepublik ist heute ein relativ bunter Haufen geworden. Von den gegenwärtigen ZdK-Mitgliedern denkt kaum jemand gerne an die Meinungsdruck-Zeiten zurück, in denen das Zentralkomitee mit seinem – von Friedensbewegten verspotteten – »Raketenkatholizismus« konfessionelle Politik rechts von der Mitte machte.
Gleichberechtigung von Frauen und Männern in Gesellschaft und Kirche, Weiterentwicklung der Demokratie, Gleichberechtigung von sogenannten »Laien« und Klerikern, eine bessere Dialogkultur innerhalb der Kirche stehen heute auf dem Programm. Zu dieser Agenda passt der nun vorgeschlagene Abschied vom »starken Mann« beziehungsweise von der »starken Frau« an der Spitze des Zentralkomitees.
Abschied vom »starken Mann«?
Gestandene und über ihre Partei hinaus angesehene CDU- und CSU-Politiker präsidierten und prägten das ZdK: Bernhard Vogel war Minister, später Ministerpräsident in Mainz, Hans Maier amtierte als Kultusminister der CSU in München. Rita Waschbüsch war Sozialministerin der CDU in Saarbrücken. Der sächsische CDU-Wissenschaftsminister Hans-Joachim Meyer war 1997 der erste Ostdeutsche als ZdK-Präsident. Und seit 2009 amtiert der geachtete Alois Glück, nachdem er viele Jahre lang die CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag dirigiert hatte.
Und jetzt? Und in Zukunft? Will man – anders als die Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die auf ihrer Synode soeben mit 111 von 115 Stimmen die 73 Jahre alte, frühere FDP-Bundesministerin Irmgard Schwaetzer als Präses für eine weitere, sechsjährige Amtsperiode wiedergewählte – Spitzenleute aus der Lebensmitte, moderne, medientaugliche Vierzig- bis Fünfzig-Jährige. So sagen es die Befürworter einer künftigen ZdK-Doppelspitze. Der unbezahlte Präsidenten-Job sei viel zu fordernd, als dass ein Einzelner ihn gut erledigen könnte. Zwei Personen hingegen könnten sich die Arbeit aufteilen – die eine in Berliner Talkshows ackern, der andere in München dem Bischofsvorsitzenden Kardinal Reinhard Marx nahebringen, wo und wie es aus Sicht des Kirchenvolkes mit der Kirche und der Gesellschaft weitergeht.
Außerdem würden durch die Frau-Mann-Doppelspitze Frauen in Leitungspositionen gestärkt. Und an solchen, die Frauen stärkenden Zeichen und Regeln hat die katholische Kirche echten Nachholbedarf. Zumal Frauen aufgrund ihres Geschlechts weiterhin vom Priester- und Bischofsamt und damit von den wirklich kirchenleitenden Positionen ausgeschlossen bleiben.
Im anstehenden Streit des Zentralkomitees geht um eine neue Führungskultur. Um eine, die die Gleichberechtigung der Geschlechter abbildet. Erstaunlich viele katholische Gremien und Verbände machen längst in der Praxis gute Erfahrungen mit einer Doppelspitze: Die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB), der Diözesanrat im Bistum Paderborn, der Diözesanrat im Bistum Essen und, beispielsweise, der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ).
Und die Gegenseite? Wie bei Katholiken zu erwarten, sind die Konservativen, die Beharrungskräfte im ZdK stark. Sie wollen weiterhin einen »starken Mann« oder eine »starke Frau«, selbst wenn es sich um einen ausrangierten Politiker oder eine Altpolitikerin handeln würde.
Hinter dem »Antrag zur Änderung des Statuts und der Geschäftsordnung Änderung des Amtes der/s Präsidentin/en in eine paritätisch besetzte Doppelspitze« sammeln sich die Neuerer: die katholische Jugend sowie gewählte Diözesanräte aus Berlin, Paderborn, Köln und Münster. Das berichtet die Katholische Nachrichten-Agentur (kna). Gegen ihre Position und ihr Anliegen hat – erstmals seit Menschengedenken – das amtierende Präsidium des ZdK seine Gegenargumentation versandt.
Am Freitag, 8. Mai, treffen nachmittags die beiden Positionen aufeinander. Ausgang offen. Sicher ist nur, dass im Herbst ein – oder zwei – Nachfolger für den dann im Alter von 74 Jahren abtretenden ZdK-Präsidenten Alois Glück bestimmt werden.
