Kirchentag unter Gottlosen?
»Offene Türen für jedermann« preist die Niedersächsische Landesvertretung am großen Eingang aus Glas in den Berliner Ministergärten an. Daneben rote Kletterrosen, ein Fuchs streift durch die Grünanlage. Schräg über der Straße wird vor dem Tiergarten eine Bühne aufgebaut, Sperrgitter stapeln sich. So ist halt Berlin: sehr grün und ein bisschen verrückt.
Doch schon gute sechs Stunden später geht hier fast gar nichts mehr. Selbst mit dem Rad ist kein Durchkommen. Massen strömen an diesem Mittwoch, zu Beginn des Kirchentags, zum »Abend der Begegnung« in Berlin: zum Reichstagsgebäude, Brandenburger Tor und Gendarmenmarkt. Wie so manches Mal im Jahr zeigen sich die dazwischen liegenden »Ministergärten«, wo die Vertretungen der Bundesländer wie auf einer Perlenschnur aufgereiht sind, von ihrer Gastgeberseite. Doch so voll wie beim Kirchentag ist es hier selten.
Das gilt natürlich auch für das nahegelegene Brandenburger Tor. Laute Musik schallt herüber. Heute, am Donnerstag, wird Barack Obama hier sprechen, die Kanzlerin treffen. Da strömt man wieder hin, schließlich ist der Eintritt frei. Gut 80.000 Menschen werden erwartet.
Berlin ist in diesen Tagen die Stadt der Superlative. Mehr als 2000 Veranstaltungen erwarten die Besucher. Mehr geht nun wirklich nicht. Zum Abschluss geht’s dann nach Wittenberg. Gut 100.000 sollen es dort auf den Elbwiesen sein.
Kirchentag auf dem Weg
Doch das lenkt den Blick ja auch woandershin: in jene Städte, auf die es sich lohnt – neben Potsdam und Berlin – zu schauen. »Kirchentag auf dem Weg« ist ihr Motto. Sie alle haben ein eigenes Programm gemacht, in der Geschichte der Kirchentage gab es so etwas noch nie: Magdeburg, wo die Elbe im Mittelpunkt steht, es aber auch ein starkes Friedenszentrum gibt. Eisleben und Halle, »zwei Städte für ein Halleluja«, mit politischen Themen, aber auch mit Gospel bis zum Abwinken. Jena und Weimar, die sich der Gretchenfrage stellen: »Nun sag, wie hast Du’s mit der Religion?« Die alte Universitätsstadt Erfurt, in der es auch um Luthers fragwürdiges Juden-Erbe geht. Dessau-Roßlau mit seinem Motto »forschen, lieben, wollen, tun«. Leipzig schließlich, wo der große Disput über Demokratie und Zivilgesellschaft geführt wird. – Auch in den all diesen Städten wird es spannend werden, nicht nur in Berlin und Wittenberg.
