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Wenn aus der Gottesanbeterin eine Gottesanbieterin wird. Jan-Heiner Tück über das Gedicht »Kämst du heute« von Nora Gomringer
von Jan-Heiner Tück vom 24.01.2021
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»Ich habe Fragen, die ich im Glauben habe, in Gedichtform verarbeitet. Man darf so was vielleicht mal«. Nora Gomringer (Foto: Judith Kinitz)
»Ich habe Fragen, die ich im Glauben habe, in Gedichtform verarbeitet. Man darf so was vielleicht mal«. Nora Gomringer (Foto: Judith Kinitz)

Manchmal kann eine minimale Änderung einen maximalen Effekt erzeugen. Durch die Einfügung eines kleinen Jota wird aus der »Gottesanbeterin« – einer Heuschrecke – bei Nora Gomringer eine »Gottesanbieterin«. Das lässt aufhorchen. Der Titel ihrer jüngsten Gedichtsammlung reagiert damit klug auf die religiöse Signatur der Gegenwart. War es in früheren Epochen selbstverständlich, dass man an Gott geglaubt hat, so ist es heute fast selbstverständlich geworden, dass man nicht mehr an ihn glaubt. Der Glaube ist eine Option unter anderen geworden. Das ist kein Grund zu kulturpessimistischen Klagen, kein Grund zu zelotischem Eifer, sondern Einladung, die Anbindung an das große Gegenüber neu zu wagen und als Option anzubieten. Statt die Gottesvokabel aus der poetischen Rede zu streichen und sie mit Gottfried Benn für ein »schlechtes Stilprinzip« zu halten, bringt Nora Gomringer in ihrem jüngsten Gedichtband Gott auf vielfältige Weise neu ins Gespräch.

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