Konnte Jesus auf dem Wasser gehen?
Fragen wie diese stehen im Raum, als der Kirchentag im Stuttgarter Hospitalhof über »Bibel. Fundament. Fundamentalismus« diskutiert. Schon lange vorher ist die Halle überfüllt, die Zuhörer hängen an den Lippen der Theologen, die oben auf der Bühne über ihr Verständnis der Bibel sprechen.
Nein, sagt der Stuttgarter Theologe und Pfarrer Christoph Dinkel, Jesus konnte nicht auf dem Wasser gehen. Die Erzählung von seinem Gang auf dem See sei metaphorisch zu verstehen. Er habe auch keine Menschen auferweckt, die schon tot waren: »Wir glauben nicht an Zombies.« Die biblischen Geschichten von den Totenerweckungen verdeutlichten vielmehr, dass Jesus das Leben gesehen und geweckt habe, wo andere nur noch den Tod sahen. Und genauso erkläre er das auch seinen Konfirmanden.
Was ist denn hier los? Warum werden auf diesem Kirchentag plötzlich wieder Fragen diskutiert, die die theologische Wissenschaft doch längst gelöst zu haben schien?
Die Frage nach der Auslegung der Bibel, ob sie nun wortwörtlich oder bildlich zu verstehen sei, gehört überraschend zu den großen Themen, die hier in Stuttgart verhandelt werden. Drei unterschiedlich besetzte Podien widmen sich dem »Streit um die Bibel«. Und tatsächlich scheint sich das Selbstverständnis des Protestantismus in der modernen Welt an eben dieser Frage zu entscheiden. Denn einerseits gilt die Schrift in der Kirche der Reformation als alleinige Grundlage des Glaubens: »Sola scriptura.« Auf der anderen Seite sieht sich die evangelische Kirche mehr als andere Konfessionen in der Pflicht, diesen Glauben vor der modernen Gesellschaft und auf Augenhöhe mit der Wissenschaft zu verantworten.
Zugleich aber wachsen die Anfragen durch den Fundamentalismus, der nicht nur aus der islamischen Welt, sondern auch aus dem pietistischen Umfeld und den wachsenden Freikirchen in die evangelische Kirche hineinwirkt. Die historisch-kritische Auslegung, die an jeder theologischen Fakultät Deutschlands selbstverständlich gelehrt wird, steht damit erneut unter Rechtfertigungsdruck.
Gerade weil die Religion an Einfluss verliert und die Welt immer pluralistischer wird, scheint die Sehnsucht nach einfachen Regeln und Bestimmungen, nach einer unangreifbaren biblischen Autorität zu wachsen. »Wenn alles nur noch metaphorisch und symbolisch ist«, fragt die Moderatorin beim Podium im Hospitalhof, »was gibt mir dann noch Halt?«
Die Antwort der Bibel, das wird hier auf dem Podium deutlich, ist nicht so eindeutig, wie die Sehnsucht nach festen Fundamenten sich das vielleicht wünscht. Sie vermittelt sich nur im Prozess, im intensiven wissenschaftlichen und persönlichen Ringen mit ihren Texten.
Einen anderen Weg aber gibt es nicht, sagt Pfarrer Dinkel. »Wenn wir uns rausreden, verdunkeln wir die Schrift. Dabei wollen wir doch Licht sein.«
Und der Theologe Heinzpeter Hempelmann aus Schömberg, der sich selbst aus dem engen Bibelverständnis einer fundamentalistischen Freikirche befreit hat, erklärt: »Wir können gar nicht komplex genug sein, wenn wir Menschen mit dem Evangelium erreichen wollen.« Die Debatte über das Bibelverständnis im Protestantismus scheint damit neu eröffnet.
