Masken erzählen Geschichten
In den letzten Wochen habe ich mehr als 120 Nase-Mund-Masken genäht und verschenkt. Sie füllten meine Tage aus, sodass ich die Coronawochen wie einen Tag empfinde. Mein Zeitgefühl ist angehalten. Seit einigen Tagen gibt es in den Geschäften, Supermärkten und im Internet wieder Angebote von Masken aller Art. Man kann sie für wenig Geld kaufen, oder sie werden bei der Wiedereröffnung von Geschäften als Kaufanreiz verschenkt. Damit ist mein Nähen überflüssig geworden. Irgendwie schade! Ich habe die Masken aus Stoffen der Lappenkiste genäht. Die Stoffe, Überreste von selbst genähten Klamotten, erzählen mir während des Nähens zur Maske lauter Geschichten: Dieser Stoff war schon in Israel, dieser gehörte als Arbeitshemd in den Umbauprozess, dieser Stoff erzählt von Mutters Beiderwandkleid, mit dem sie zum Hohen Meißner wanderte. Schade aber auch, weil dieser kreative Vorgang der Wiederbelebung von Altem und die Vorstellung, ob das eine Männer- oder Frauenmaske werde würde oder eine, die den Namen »Sommerwiese« oder »Handwerker« tragen könnte, ein Ende hat. Ein Ende durch das übliche Handelsprodukt aus dem Supermarkt, für weniger als einen Euro, zum Wegwerfen bestimmt. Dafür kann ich keine Masken nähen und die selbst genähten, geschenkten werden auch minderwertig gegenüber den für Geld erworbenen, die unabhängig und frei sein lassen, für die man nicht Danke sagen muss. Diese selbst genähten Masken haben mir die ersten Coronawochen menschenwürdig und sinnvoll gemacht, ein bisschen wie das Singen auf den Balkonen. Jetzt haben die gekauften Masken mich überholt, business as usual. Ich wünsche mir, dass nicht alle kreativen Coronaerlebnisse untergehen wie überflüssige Notmaßnahmen. Manches möchte ich gerne wiederfinden, wenn Corona vielleicht einmal vorbei ist.
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