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Muss die Kirche arm sein?

Das Erzbistum München und Freising hat sein Vermögen öffentlich gemacht: Es beträgt 6,3 Milliarden Euro. Ist solch ein Reichtum der Kirche angemessen? Braucht sie so viel, um Seelsorge und Nächstenliebe organisieren und Kirchen erhalten zu können – oder widerspricht das dem Evangelium? Ein Pro und Contra
vom 12.07.2016
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Muss die Kirche arm sein? Der Fanziskaner Hubert Wurz (linkes Bild) meint Ja!, Thomas Begrich, der frühere Leiter der EKD-Finanzabteilung, meint Nein!  (Fotos: privat; epd/Schulze)
Muss die Kirche arm sein? Der Fanziskaner Hubert Wurz (linkes Bild) meint Ja!, Thomas Begrich, der frühere Leiter der EKD-Finanzabteilung, meint Nein! (Fotos: privat; epd/Schulze)

Hubert Wurz: Ja, sonst verleugnet sie den Auftrag Jesu

Die Kirche sollte arm sein. Diesen Anspruch muss sie versuchen zu leben. Sonst gibt sie einen Wesenskern auf und verliert Elan und Lebendigkeit! Zwei biblische Schlüsseltexte machen das deutlich: Im ersten begegnet der Wanderprediger Jesus einem begüterten jungen Mann (Matthäus 19, 16-30). Im zweiten kommt Jesus mit einem führenden Mann, einem Schriftgelehrten oder Pharisäer, ins Gespräch (Markus 10, 17-31). Der Appell Jesu an beide ist kurz und klar: »Geh, verkaufe alles, was du hast, und gib das Geld den Armen.« Jesus verheißt ihnen, dass sie dafür »einen Schatz im Himmel« erhalten. Beide Männer, so die Überlieferung, reagieren gleich: Sie gehen traurig davon, denn sie sind sehr reich. Diese Schriftstellen sind der Stachel im Fleisch der etablierten Kirche. Genau wie den Männern fällt es der Kirche allzu schwer, ererbten Reichtum und erworbene Macht aufzugeben.

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Franz von Assisi (1181-1224) war ein Mann, der dies vermochte. Er verzichtete als junger Mann auf Reichtum und Karriere. Sein Lebensstil eines Wanderpredigers löste eine gewaltige Armutsbewegung innerhalb der Kirche aus. Der Franziskaner-Orden entstand – was Franz von Assisi nie beabsichtigt hatte. Doch auch dieser Orden wurde im Laufe der Geschichte zu einer einflussreichen Institution innerhalb der Kirche mit Universitätsprofessoren, Bischöfen und Kardinälen. Streit und Abspaltungen gibt es bis in die jüngere Ordensgeschichte stets über die Armutsfrage! Die Kirche braucht heute Menschen wie Franz von Assisi, die konsequent arm leben und eine neue Armutsbewegung in der Kirche auslösen. Damit die Kirche das lebt, was der Überlieferung zufolge Jesus von seinen Nachfolgern gefordert hat: Verkauft alles und verteilt es unter den Armen.

Thomas Begrich: Nein, denn sie leistet viel für andere

Nein, die Kirche sollte nicht arm sein. Alles Vermögen dient ausschließlich kirchlichen Aufgaben.

Entscheidend ist ja nicht die Menge des Geldes, sondern das, was damit getan wird. Verantwortlicher Umgang mit Geld ist daher das entscheidende Kriterium für kirchliches Handeln.

Das sind wir denen schuldig, die das ermöglichen: Mehr als 22 Millionen Gemeindeglieder sind es, die in der evangelischen Kirche den Reichtum der Kirche ausmachen! Was eine arme Kirche ist, ist leicht vorstellbar, wenn man etwa in viele Kirchen des Südens blickt. In armen Gesellschaften ist eine Kirche auch arm.

Ist sie nun in unserer Gesellschaft reich? 5,3 Milliarden Euro an Kirchensteuern (evangelisch) sind, verglichen mit der jährlichen Tabaksteuer in Deutschland (14 Milliarden Euro), nicht einmal viel Geld.

Trotzdem: Macht diese Kirchensteuer die Kirche reich? Ja, sie schafft ihr eine verlässliche Basis für ihre Arbeit. Und nein, wenn man sich verdeutlicht, was alles damit geleistet wird: Zwei Milliarden Euro für Seelsorge, zwei Milliarden für Gemeindearbeit, eine weitere Milliarde für die Erhaltung der allen Menschen in unserem Land wichtigen kirchlichen Gebäude. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind angemessen zu bezahlen, die Altersversorgung wird so organisiert, dass nicht die Enkel die Lasten tragen müssen.

Sollte die Kirche wirklich ärmer sein? Sie wird es wohl werden, wenn die Zahl der Gemeindeglieder sinkt.

Aber muss man sich das wünschen? Gewiss nicht: Kirchliches Leben bereichert die gesamte Gesellschaft, auch diese würde ärmer werden, wenn die Kirche ärmer wird.

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Personalaudioinformationstext:   Hubert Wurz, geboren 1939, ist seit 50 Jahren Franziskaner. Er arbeitete in der Erwachsenenbildung – Yoga, Fasten, Zen – und ist seit 2015 Seelsorger in Waren/Müritz. Thomas Begrich, geboren 1950, leitete die Finanzabteilung der Evangelischen Kirche in Deutschland. In der DDR musste er sein Theologiestudium abbrechen, als er den Wehrdienst verweigerte. Später studierte er Jura und BWL.
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