Neudeck: Belebt die toten Kirchen!
Mich irritiert, dass Christen die Entleerung von Kirchen, die mehr sind als bloße Gebäude, schweigend und fast teilnahmslos einfach hinnehmen. Wo ich hinschaue, lese, finde ich Beispiele dafür. So in den Erinnerungen einer mutigen linken Katholikin, Barbara Coudenhove-Kalergi, in ihrem Buch »Zuhause ist überall«. Sie nimmt im Jahr 1979 nach dem Tod ihres Mannes, des Spanienkämpfers und Ex-Kommunisten Franz Marek, eine Auszeit. Sie beschreibt mit Empathie das Kloster der Benediktinerinnen der Abtei St. Gabriel. Lapidar schreibt sie: »Wir wissen insgeheim alle, dass diese Abtei ein Auslaufmodell ist. Schön als Kulisse und schön als Zufluchtsort für eine Weile. Aber kein Modell mit Zukunft.« Und weiter: »Inzwischen gibt es die Abtei St. Gabriel nicht mehr. Die wenigen verbliebenen Nonnen sind in ein kleines modernes Haus weggezogen. Die Burg ist verkauft. Sie soll in Zukunft für touristische Zwecke genutzt werden.«
Ist das die Realität? Die Lichter gehen aus, die Kirchen werden geschlossen, der Letzte pustet die Kerze aus – Amen? Ich spüre in mir Gefühle der Rebellion. Sie reimen sich auf den Satz, den Albert Camus in seinem Buch »Mensch in der Revolte« formuliert hat: »Je me revolte, donc nous sommes!« – »Ich revoltiere, also sind wir!«
Mich irritiert, dass in den Kirchen und von Christen kaum noch gebetet wird. Die Frage unseres Imam-Freundes aus dem afghanischen Pahlewang-Piri unweit von Herat habe ich nie vergessen: »Wann betet ihr Christen eigentlich?« Dass wir nicht mehr täglich beten und unsere Kirchen meist die ganze Arbeitswoche über aus Angst vor Dieben, Pennern und Mäusen geschlossen halten, ist eine Merkwürdigkeit, vielleicht sogar eine Schande.
In der Regel geht der Tourist in den Kölner Dom, aber nicht ein Beter (so was soll es noch geben) in die St. Mariä Himmelfahrtskirche in Troisdorf. In diese meine eigene Pfarrkirche käme der Beter oder Tourist schon deshalb nicht hinein, weil sie die ganze Woche über abgeschlossen ist – offen nur am Mittwoch 9.30 Uhr und Freitag 17.30 Uhr für eine Dreiviertelstunde maximal.
Vorbildlich ist für mich in dieser Hinsicht die Gemeinde Sant’Egidio im römischen Stadtteil Trastevere: Sie organisiert jeden Abend ein öffentliches, rund zwanzigminütiges Abendgebet in Gemeinschaft all derer, die für die Gemeinde und ihre Diakonie ehrenamtlich arbeiten. Denn: Gemeinden leben durch Aufgaben. Ich kann gar nicht oft genug berichten, wie und warum zum Beispiel die evangelische Gemeinde in Hoya, Niedersachsen, mit ihren knapp 4000 Gemeindemitgliedern wuchs. Die Kommune hatte eine vietnamesische Familie aufgenommen, die dann Mitte vergangenen Jahres vom Innenminister Niedersachsens, Uwe Schünemann, nach Vietnam abgeschoben wurde. Die älteste Tochter durfte in Deutschland bleiben, die Eltern und zwei kleine Kinder wurden »rausgeschafft«. Die Gemeinde hat daraufhin dem Minister derart viel Ärger bereitet, dass er der Familie nach drei Monaten Abschiebezeit in Vietnam ein Rückkehr-Visum für Deutschland ausstellen ließ. Die Gemeinde Hoya vibriert bis heute dank dieses Erfolgs.
Die deutschen Kirchengemeinden sollten sich mehr Aufgaben hierzulande suchen als in Afrika. Aber sie schauen lieber nach Afrika, um den Menschen dort Gutes zu tun – dabei hätten sie hier genug zu tun. Sie könnten sich zum Beispiel viel mehr um heimatlose Afrikaner in Deutschland kümmern. Sie könnten Asylbewerbern Arbeit verschaffen, könnten für Einsame eine wichtige Adresse sein. Sie könnten Trauernde und Trostsuchende besuchen und begleiten. Sie könnten mit den Überschüssen der Lebensmittel-Supermärkte eine Tafel organisieren.
Ich selbst gehe am Freitag um 18 Uhr in meine Kirche in Troisdorf. Das ist dann die Erwachsenen-Kürzestmesse, in die alle gehen, die vor Ort noch etwas mit der Kirche am Hut haben und die Messe am Sonntag um elf Uhr vermeiden möchten, weil dies ein Kindergottesdienst ist.
Worum geht es mir also:
1. Eine Kirche, in der ein Gottesdienst gefeiert wird, ohne dass danach oder davor etwas für andere Menschen geschieht – also eine diakonische Aktivität, zu der man sich wie selbstverständlich in der Kirche trifft –, ist überflüssig.
2. Ein kirchliches Gebäude, das die ganze Woche über geschlossen ist und nur zwei-, dreimal zum Gottesdienst geöffnet wird, ist dem Untergang, dem Abriss oder der Umwidmung in einen Supermarkt geweiht.
3. »Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen«, heißt es von Jesus Christus. Man kann sich auch woanders in seinem Namen zusammenfinden (Telefonseelsorge!).
4. Was geschieht, wenn der Priester infolge eines Staus auf der Autobahn verhindert ist, die Messe zu feiern? Die Gläubigen gehen wie begossene Pudel nach Hause. Niemand wird den Mut haben, als Laie einen Wortgottesdienst zu leiten. Doch dieser Fall dürfte in naher Zukunft häufiger eintreten. Laien sollten daher aktiv werden und eigenständig diese Wortgottesdienste gestalten.
5. Eine Kirche, die nicht zu einem täglichen Gebet und einem täglichen Projekt genutzt wird, wird nie die nächste Generation unserer Kinder gewinnen. Also: eine tägliche Gebetszeit im Kirchengebäude einrichten, vor Arbeitsbeginn (6-8 Uhr); und an einzelnen Tagen am Abend um 21 Uhr für zwanzig Minuten. Betreut werden sollten diese Gebete von Mitchristen als Vorbetern.
6. Kirche ist nie nur das Gebäude aus Stein, Beton und bunten Glasfenstern. Kirche ist immer auch das Zimmer, in dem die Telefonseelsorge betrieben wird: rund um die Uhr. (Welt-)Kirche ist immer auch die helfende Hand des Arztes, der eine vergewaltigte Frau im Kongo rettet und sie wieder ins Leben zurückbringt. Das Gebäude kann untergehen, die helfende Hand sollte es nicht.
