Notre-Dame: Die brennende Seele von Paris
Notre-Dame stand in Flammen – und Paris fand in dieser Nacht keinen Schlaf. Zehntausende Anwohner, Touristen und gläubige Katholiken standen am späten Montagabend im Dunkeln vor den Absperrungen. Sie beobachteten fassungslos das lodernde Feuer, das sich erbarmungslos durch den Dachstuhl der weltberühmten Kathedrale fraß und ihren schlanken Vierungsturm wie eine Kerze herunterbrennen ließ. Manche weinten, andere sangen das Ave Maria. Vor einer kleinen Kirche spielten zwei junge Frauen Geige. Auch außerhalb von Paris verfolgte die Welt per Internet und Fernsehen live und entsetzt den verheerenden Brand. Reporter standen grau und betroffen auf den Straßen, Moderatoren rangen um Fassung. Elf Stunden lang kämpften vierhundert Feuerwehrmänner verzweifelt um das spirituelle Wahrzeichen der französischen Metropole, retteten – zum Teil unter Lebensgefahr – ihre transportablen Heiligtümer. Und konnten am Dienstagmorgen immerhin bekannt geben, dass das Feuer unter Kontrolle und die Grundsubstanz von Notre-Dame, ihre Fassade und die beiden Haupttürme, gerettet worden waren.
Ein Ort der unbewussten Sehnsucht
Die tiefe Trauer und Anteilnahme um »Unsere Frau von Paris« macht deutlich, dass es hier nicht nur um ein Kulturdenkmal und kostbare Kunstgegenstände geht: Der Brand der Kathedrale trifft die Seele der Menschen und ihrer Stadt. Die Institution Kirche mag vielen nichts mehr bedeuten – ihre großen Symbole und Orte aber repräsentieren noch immer die oft unbewusste Sehnsucht nach Transzendenz, dem ganz Anderen, dem Heiligen inmitten der profanen Welt. Auch in einem laizistischen Staat wie Frankreich, wo Kirche und Staat streng getrennt sind und immer weniger Menschen sich zum christlichen Glauben bekennen, stellt ein Gebäude wie Notre-Dame de Paris das spirituelle Zentrum der Metropole dar. Wo sie zerstört wird, bricht den Menschen das Herz.
»Ja, es ist nur ein Gebäude, aber – ganz abgesehen von den unermesslichen Kunstschätzen – es sind so viele Geschichten von Trauer und Trost, von Bedrängnis und Segen in seine Mauern eingeschrieben«, trauert der bayerische evangelische Bischof Heinrich Bedford-Strohm. »Dieses seit so vielen Jahrhunderten dastehende Wahrzeichen gibt eine intuitive Sicherheit, die beim Anblick des Feuers ins Wanken gerät«.
»Unsere Frau« wird auferstehen
Schon am Morgen danach, als die letzten Glutnester noch brannten und das Ausmaß der Zerstörung noch nicht beziffert werden konnte, war der Wille da, die Ruine wieder aufzubauen. Präsident Emmanuel Macron kündigte den Wiederaufbau an, die Kulturerbe-Stiftung Fondation du Patrimoine startete noch in der Nacht eine Spendensammlung, die Inhaberfamilie eines großen Modekonzerns will 100 Millionen Euro dafür bereitstellen. Notre Dame wird auferstehen.
