Predigen ohne Gott?
Kathrin Oxen: »Ja! Denn wir verstecken uns zu oft hinter großen Worten«
»»Stellen Sie sich einen Liebenden vor, der die Frage ›Liebst du mich?‹ mit dem Satz beantwortet: ›Aber ja, du weißt es doch, ich habe es dir letztes Jahr schon gesagt.‹ Wie könnte er entschiedener bezeugen, dass er endgültig aufgehört hat zu lieben?« Das Zitat des französischen Soziologen Bruno Latour macht deutlich, worum es in unserer Aktion »Sieben Wochen ohne große Worte« geht: Gerade große Worte wirken manchmal nicht mehr und verlieren dann ihre Bedeutung. Sie müssen immer wieder neu und anders zur Sprache gebracht werden.
An den Sonntagen der Passionszeit fordern wir deswegen Predigerinnen und Prediger auf, in ihren Predigten einmal bewusst auf die großen Worte zu verzichten. Wir haben 49 Beispiele ausgesucht: Liebe ist dabei, aber auch Barmherzigkeit, Kreuz, Gnade, Trost, Hoffnung, auch Gott und Jesus. Diese Worte sollen durch den Verzicht auf ihren ansonsten ständigen Gebrauch neu gefüllt werden – so wie ja auch bei anderen Formen des Fastens der Verzicht zu neuen Erfahrungen führen kann.
In unserer Arbeit im Zentrum für Predigtkultur erleben wir, dass in Predigten immer wieder große Worte auftauchen – sehr gehäuft dort, wo es wichtig und bedeutsam werden soll, also vor allem in der Schlusskurve mancher Predigt. Davon zu sprechen, dass Gott die Liebe ist, bleibt aber eine reine Behauptung, wenn mir als Hörerin nicht auch gesagt wird, wo diese Liebe anschaulich und konkret erfahrbar wird. Mit der Mitteilung dieser eigenen Glaubenserfahrung tun sich viele Predigerinnen und Prediger schwer – und auch damit, Menschen auf diese Erfahrungen anzusprechen. Der Verzicht auf die großen Worte kann helfen, sich nicht länger hinter ihnen zu verstecken, sondern in der Predigt zu sagen, was sie heute, für mich und für dich bedeuten.«
Manfred Lütz: »Nein! Was Gott betrifft, bin ich nicht für Abstinenz«
»»Theologensprache ist unverkäuflich.« Das sagten mir Buchhändler, als ich ihnen den Plan vorstellte, ein Buch über Gott zu schreiben. Ich ließ mein Buch daher vorher von unserem Metzger lesen – und das hat »Gott. Eine kleine Geschichte des Größten« zum Erfolg gemacht.
Offensichtlich haben Theologen einen professionellen Hang zur Unverständlichkeit. Nachdem Latein und Griechisch aus den Gottesdiensten verschwunden sind, ist man auf die Idee verfallen, dann eben unverständliches Deutsch zu reden. »Wenn wir uns auf dieses Gebäude einlassen …«, sagte eine Theologin, als sie vor einer Messe den Kölner Dom erklären wollte. Kein Metzger lässt sich auf Gebäude ein. Theologen haben »ein Stück Hoffnung«. Metzger haben ein Stück Wurst.
Das routinierte Theologengeschwätz über »Gott«, »unseren Herrn Jesus Christus«, über »Liebe« und »Barmherzigkeit« und Phrasen wie »müssen wir nicht alle immer wieder neu …« schrecken Menschen, die gewöhnlich nicht in die Kirche gehen, ab.
Theologen müssen aber so reden, dass die Gläubigen das, was sie in der Kirche hören, problemlos ihrer atheistischen Nachbarin weitersagen können. Daher ist es auf den ersten Blick keine schlechte Idee, mal Wort-Fasten für Theologen auszurufen.
Aber auf den zweiten Blick wird so das Problem verschärft. Wenn nämlich ab Ostern das Theologengeschwätz noch ungehemmter losbricht, ist es schlimmer als zuvor. Man sollte also authentisch über den Glauben reden, nicht routiniert. Am besten lässt man jede Predigt vorher von einer Aldi-Kassiererin lesen. Was die nicht versteht, ist fürs ewige Heil wahrscheinlich auch nicht wichtig. Was Gott betrifft, bin ich nicht für Abstinenz, aber für kontrolliertes Trinken. Pardon, Reden.«
Manfred Lütz, geboren 1954, ist Arzt, katholischer Theologe und Schriftsteller. Er leitet das Alexianer-Krankenhaus in Köln und ist Mitglied des Päpstlichen Rates für die Laien.
