»Psychopathen wie in der Karikatur«
Publik-Forum: »Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert.« Das war vor zwanzig Jahren Ihre Lieblingsbibelstelle. Ist sie es immer noch?
Feridun Zaimoglu: Oh ja. Nun wird man fragen: Wenn ein Muslim sich diese Stelle heraussucht, was heißt das denn? Nach Studium der Quelle glaube ich: »Schwert« meint das Wort Gottes. Es reicht nicht aus, fromme Lieder zu singen und die göttliche Botschaft auf die Esoterik der kleinen Leute abzustimmen. Diese Bibelstelle ist ein Aufruf zur Rückbesinnung auf das unverfälschte Wort. Und was ist das unverfälschte Wort? Macht euch nicht gemein mit den Reichen und Mächtigen, sondern immer mit den Erniedrigten und Beleidigten – zu ihnen spricht Gott. Es gibt in bestimmten Glaubensinhalten keine Kompromisse nach dem Motto: Alle sind gleich, und der, der andere Menschen schlägt, ist auch ein Kind Gottes. Das ist Schabernack. Das ist nicht im Sinne Gottes.
Wenn die Mächtigen Gewalt anzetteln, berufen sie sich gern auf Religion. Da stellt sich die Frage: Kann Religion überhaupt Frieden stiften? Oder ist jede Religion per se aggressiv, weil sich ihre Gläubigen letzte Wahrheiten anmaßen?
Zaimoglu: Das machen auch die Nichtreligiösen. Man kann auf die Weltkriege hinweisen, auf den Kommunismus, den Faschismus – diese Leute sind ohne Religion, ohne Gott zurechtgekommen. Wo der Mensch sich auf ein höheres Ideal beruft, wo der Mensch glaubt, andere Menschen vernichten zu können, wo der Mensch einen Feind markiert im Namen der Rasse, der Klasse, des Weltgeistes, im Namen Gottes – da ist der Mensch des Teufels.
In einem Essay für »Zeit Online« schrieben Sie jüngst, Sie verzweifelten am islamistischen Terror. Sie nannten die IS-Anhänger »schwarzvermummtes Pack«, »mörderische Haufen aus dunklen Aposteln« und »verschweinte Kerle«, die der Allmächtige bitte vom Antlitz der Erde tilgen möge. Haben Sie keine Angst vor Vergeltung?
Zaimoglu: Diese Halunken haben Besseres zu tun, als sich mit solchen Leuten wie mir abzugeben. Angst hab’ ich nicht. Und es geht ja auch nicht darum, sich bei den falschen Leuten Liebkind zu machen. Meine Verzweiflung ist echt. Es ist kein Heldentum, das aufzuschreiben. Ich wollte über die ungeheuerlichen Verbrechen dieser Halunken schreiben – und dabei die richtigen Worte finden für meine Verzweiflung. Denn ich bin ein Muslim und muss mir ansehen, was diese Muslime da anstellen. Es macht mich verrückt, wenn Muslime Pendlerzüge in die Luft sprengen, wenn Muslime Christen und Juden massakrieren. Diese Psychopathen entsprechen genau jenen Karikaturen, die rechtsnationale Kreise in Deutschland von Muslimen zeichnen.
Wie fühlt es sich für einen Muslim in Deutschland an, wenn in Dresden und anderen Städten allwöchentlich Tausende Menschen auf die Straße gehen, um gegen die »Islamisierung« Deutschlands zu demonstrieren?
Zaimoglu: Es gab ja schon vor Pegida die sogenannte Anti-Islam-Fraktion. Dieser Haufen »Spaziergänger« in Dresden, sogenannte »besorgte Bürger« – dieser Typus ist nicht neu. Der Typus des kulturkonservativen Bürgers, der auf die eingebildete Landnahme durch Fremde hinweist und sich dem Volke als Retter in der Not andient, den kennt man ja. Früher warnten sie vor Asylanten, heute vor den Muselmanen. Ich muss immer wieder lesen, das seien angstgepeitschte Menschen des Mittelstands, die Zukunftsängste haben und in vielleicht falschen Begriffen von Überfremdung und Übernahme sprechen; und die Politiker und Journalisten müssten sich ihrer Sorgen annehmen. Da lache ich schallend. Denn diese Leute brauchen den Muslim nicht, um zu schäumen. Aber sie sind sicherlich dankbar dafür, was diese Halunken vom »Islamischen Staat« so treiben. Seht, die finsteren Muselmanen.
Wenn Deutsche sich am Bau von Großmoscheen stören oder an Lehrerinnen mit Kopftuch – inwieweit empfinden Sie das als Fremdenfeindlichkeit?
Zaimoglu: Überhaupt nicht. Was sollte ich gegen Menschen sagen, die plötzlich erfahren, dass in ihrer Nachbarschaft eine Moschee gebaut werden soll, die so groß sein könnte wie ein halber Flughafen? Klar, dass die Leute sich da aufregen – man könnte sie ja auch mal fragen. Selbstverständlich nehme ich auch die Verunsicherung ernst von Menschen, die verschleierte Frauen sehen und fragen: Was ist hier los? Werde ich als unverhüllte Person von denen verneint? Das sind ganz natürliche Instinkte von Menschen. Immer, wenn neue Leute von außen in ein Land kommen, ist der erste Impuls Abwehr. Etwas anderes ist es, wenn politische Anführer von Abwehrschlachten sprechen. Wenn sie davon schwätzen, dass man den einzelnen Muslim als einen Kulturträger sehen muss, als Vertreter eines Kollektivs. Von da ist es nicht sehr weit bis zur Wahnverstrickung, zu Freund-Feind-Denken.
Werden Sie selbst auch angefeindet wegen Ihrer Religion?
Zaimoglu: Nein. Die Übertreibung ist eine Sache der Lumpenbürger. Im schönen deutschen Alltag ist man unaufgeregt – und das liebe ich. Also: Ist einer in Ordnung, ist er in Ordnung. Ist einer schäbig, ist er schäbig. Wir führen hier ja keine Glaubenskriege.
Es wäre wahrscheinlich anders, wenn Sie eine verschleierte Frau wären.
Zaimoglu: Da hat man mit Berührungsängsten zu tun – aber meine Güte, da muss man ja nicht gleich beleidigt sein!
Was macht Ihnen am meisten Angst, wenn Sie an die Welt denken, so wie sie gerade ist?
Zaimoglu: Mir machen die Religiösen aller Schattierungen Angst. Die evangelikalen Spinner in Amerika genauso wie die orthodoxen Spinner in Israel, genau wie die muslimischen Schergen. Es ist eine Koalition der Verrohten und der Schäbigen. Sie schwafeln vom Weltende, vom Jüngsten Tag, davon, dass man Armageddon beschleunigen sollte, damit der Heiland endlich mal erscheint. Die Orthodoxen dieser Weltreligionen reden in aberwitzigen Begriffen: Millionen werden sterben; das ist der Preis, damit der Heiland erscheint oder der Messias. Gesunder Menschenverstand ist da pulverisiert.
Hierzulande haben solche Leute kaum Einfluss.
Zaimoglu: Das ist ein Beleg für die geistige Gesundheit der Menschen in Deutschland. Aber in Amerika, im Nahen Osten und in den arabischen Ländern geht die Post ab.
Sie beteiligen sich immer wieder an politischen Debatten. Sie saßen in der ersten Islam-Konferenz, waren 2009 Wahlmann für den Bundespräsidenten. Sehen Sie sich als Vorbild für Einwanderer, sich in Deutschland zu integrieren, das Land mitzugestalten?
Zaimoglu: Um Gottes willen. Ich tauge nicht zum Vorbild. Ich bin ein doppelter Studienabbrecher, ein kleiner Schreiber, der Albtraum jeder türkischen Schwiegermutter. Ich bin ein Witz.
Aber nur wenige Leute wählen den Bundespräsidenten mit. Nur wenige schreiben vieldiskutierte Romane. Sie schon.
Zaimoglu: Okay. Wenn man wie ich ein Fremdstämmiger ist, aber Deutsch besser spricht als seine eigene Muttersprache, wenn man hier lange lebt, gerne hier lebt – wie feige ist es denn dann, sich herauszuhalten und zu sagen, es geht mich hier alles nichts an? Wenn man sich in der Nische einer Parallelgesellschaft einrichtet, darf man sich nicht wundern, dass man sich nicht entwickelt. Dann erlischt auch die Lust teilzunehmen. Und dann entsteht schnell der Gedanke: Du gehörst nicht hierher.
Sie wohnen in Kiel, weit weg vom Kulturbetrieb der Metropolen. Sie gehen weder ins Kino noch ins Theater, haben kein Internet. Sie leben allein – mit Tausenden Büchern. Was geben Ihnen Romanfiguren, was echte Menschen Ihnen nicht geben?
Zaimoglu: Ich fresse Bücher, verschlinge sie. Eine Welt ohne Bücher würde ich nicht aushalten. Wahrscheinlich ist das Eskapismus. Aber ich halte mich auch gern in der realen Welt auf; ich muss jeden Tag raus, sonst würde mir der Kopf platzen. Nur vermeide ich lärmende Leute und blöde Unterhaltung.
Über Ihre Lieblingsbibelstelle haben wir anfangs gesprochen. Zum Schluss: Was ist Ihre liebste Stelle im Koran?
Zaimoglu: »Im Namen des Gnadenvollen, des Allerbarmers.« So oft wie das im Koran vorkommt, der Hinweis auf die Gnade, der Hinweis auf Erbarmen, der Hinweis darauf, dass es darum geht, Menschen zu lieben, der Hinweis darauf, dass wer einen Menschen tötet, die ganze Menschheit tötet – das liebe ich. Ich bin leider ein altmodischer Humanist. Es fällt zwar nicht immer leicht, Menschen zu lieben. Aber jeder Glaube steht und fällt mit der Menschenliebe.
