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Revolution zu Pfingsten

Pfingsten ist der heimliche Star unter den drei großen christlichen Feiertagen. Es ist nicht so zeremoniell wie Weihnachten und nicht so dramatisch wie das Osterfest, sondern kommt meist lieblich warm daher. Viele zieht es ins Grüne; es ist die Zeit zum Ausschwärmen. Aber an Pfingsten ist auch Zeit für eine Revolution
von Markus Dobstadt vom 08.06.2014
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Pfingsten: Ein Brausen am Himmel, mehr als ein Wetterphänomen. (Foto: Flügelwesen/photocase.de)
Pfingsten: Ein Brausen am Himmel, mehr als ein Wetterphänomen. (Foto: Flügelwesen/photocase.de)

Weihnachten und Ostern sind mit Geschichten verbunden, die sich kommerziell umsetzen lassen. Damit sind sie auch in einer säkularen Welt allgegenwärtig: Ein Baby und ein Hase stehen in der Geschäftswelt im Mittelpunkt. Unangenehmes wird ausgeblendet. Zum Beispiel ein ermordeter Jesus. Pfingsten ist dagegen zum Glück noch eine Leerstelle für die Industrie. Aber eben auch für viele als christlicher Feiertag.

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Kann die 2000 Jahre alte Erzählung von dem Sturm, der durch ein Zimmer fegt, von Feuerszungen, die in einem geschlossenen Raum auf die verdatterten Jünger Jesu niedergehen, überhaupt noch verstanden, erklärt, übersetzt werden?

Eine jüdische Tradition

Wie auch sonst im Alten und Neuen Testament, wo vieles miteinander verwoben ist, steht auch diese Geschichte nicht für sich allein, sie hat eine jüdische Tradition. Das Wort Pfingsten leitet sich vom Griechischen »pentekosté« ab, was »der Fünfzigste« heißt. Heute liegt Pfingsten fünfzig Tage nach Ostern. Die Jünger saßen dagegen am jüdischen Erntedankfest Schawuot beisammen, an dem auch die Offenbarung der Thora gefeiert wurde. Es lag fünfzig Tage nach dem Pessachfest.

Und dann? »Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab«, so heißt es in der Apostelgeschichte. Eine Kollegin sagte kürzlich begeistert, als ich sie nach ihrem Verständnis von Pfingsten fragte: »Ich finde das eine geile Vorstellung, dass die Jünger plötzlich herauskommen und in allen Sprachen reden können«, völker- und religionsübergreifend.

Die Aufzählung all der fremden Gegenden in der Apostelgeschichte erweckt wirklich den Eindruck, als wären Menschen aus der halben bekannten Welt dabei gewesen: »Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Zyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, Juden und Proselyten, Kreter und Araber«, sie alle hören zu.

Zehn Tage nach Jesu Himmelfahrt werden die allein gelassenen Jünger offenbar von einer starken Macht erfüllt. Eine Macht, die einzig und allein dazu dient, Grenzen verschwinden zu lassen, zu sprechen, zu predigen, und zwar so, dass alle es verstehen können. Als gäbe es eine Ursprache, die alle Menschen benutzen könnten, wenn man sie ließe und sie dazu bereit wären. Es ist ein Moment der Rückkehr in die Zeit vor der babylonischen Sprachenverwirrung. Und ein Bild von einer einzigartigen Gemeinschaft.

Was die Jünger heute sagen könnten

Was ist das für ein Geist, der ihnen ganz persönlich und direkt dieses Geschenk macht? »Von den drei ,Personen' der christlichen Dreifaltigkeit Gottes ist der Heilige Geist zweifellos der »demokratischste«, schreibt Hans Torwesten in Publik-Forum 10/2014 (»Der Heilige Geist - ein Demokrat«). »Zwar hat auch Jesus von Nazareth seine Jünger bereits nicht mehr Knechte, sondern Freunde geheißen. Doch erst im Heiligen Geist wird das himmlische Gastmahl, das durch Jesus bereits angestoßen wurde, Wirklichkeit.« Er ist für Torwesten ein »Feind allen hierarchischen Denkens und Standesdünkels«. Torwesten zitiert Meister Eckart, der sage, Gott fühle sich in dieser »Gleichheit« mit allen Dingen und Wesen so wohl, dass er sich wie ein Pferd wahrnehme, das sich auf einer grenzenlosen Heide austoben könne.

Wenn man Pfingsten so versteht – und ich finde, Torwesten hat recht –, dann ist der Feiertag allerdings mehr als ein arbeitsfreier Tag, der zu Ausflügen einlädt. Dann hat er etwas Revolutionäres. Er fordert dazu auf, hinauszugehen und sich die Ungleichheiten – auch die Ungerechtigkeiten – der Welt näher anzusehen. Und in dieser von angeblichen wirtschaftlichen Zwängen dominierten Zeit gibt es davon eine ganze Menge: Ganze Völker werden seit der Bankenkrise in Armut gestürzt, nur damit Geldanleger ihre Zinsen und Einlagen fristgerecht ausgezahlt bekommen. Milliardenteure Fußballweltmeisterschaften werden zur Freude des internationalen Publikums abgehalten, doch gehen diese Turniere wie jetzt in Brasilien auf Kosten der einfachen Menschen. Für deren Bildung und soziale Sicherheit bleibt nichts übrig; den Profit der Spiele streichen andere ein.

Bundestagsabgeordnete stimmen dafür, dass ihre Diäten bis zur Mitte der Wahlperiode um enorme 830 Euro pro Monat ansteigen dürfen, auf dann 9082 Euro. Der Hartz IV-Regelsatz für Alleinstehende wird gegenüber 2013 dagegen nur um sage und schreibe neun Euro auf 391 Euro pro Monat erhöht.

Die weltweit tonangebenden Regierungen können sich nicht auf einen wirksamen Klimaschutz einigen und nehmen aus Angst vor wirtschaftlichen Einbußen lieber einen um drei und mehr Grad erwärmten Globus in Kauf, mit katastrophalen Folgen in erster Linie für die heute schon ärmeren Länder.

Vielleicht würden die Jünger, wenn sie heute lebten und ihr Pfingsterlebnis wiederholen könnten, von all diesen Skandalen sprechen, auf Englisch, Französisch, Russisch und Deutsch.

So gesehen ist Pfingsten das persönlichste und unmittelbarste der drei großen christlichen Feste, auch das geheimnisvollste. Was ich daraus mache? Mal sehen, fühlen und hören.

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