Romero, der Selige
Oscar Arnulfo Romero war jahrzehntelang ein konservativer Geistlicher, der in der Amtskirche Karriere machte. Doch im Bürgerkrieg in El Salvador, also in der letzten Phase seines Lebens, schärfte sich sein Sinn für Gerechtigkeit. Er vollzog eine radikale Wende, spätestens nachdem sein Priesterfreund, der Jesuitenpater Rutilio Grande, am 12. März 1977 in einem Zuckerrohrfeld auf dem Gebiet seiner Pfarrgemeinde Aguilares ermordet wurde und Romero in der armseligen Dorfkirche neben dem Getöteten eine Nacht lang Wache hielt. Padre Rutilio war im Auftrag von Großgrundbesitzern getötet worden, weil er sich beharrlich für geschundene Landarbeiter und Kleinstbauern eingesetzt hatte.
Wenn ein Christ so radikal umkehrt wie Erzbischof Romero, dann hat der Bekehrungsprozess ganz reale Umstände. Beim Völkerapostel Paulus, der vom Christenfeind Saulus zum Paulus wurde, spielt ein Pferd eine Rolle, von dem der Mann nahe bei Damaskus stürzte – so berichtet es die Apostelgeschichte. Bei der Umkehr von Erzbischof Romero, der vom Gegner der Kirche der Armen zu ihrem Freund und Verteidiger wurde, ist ein Kühlschrank von Bedeutung – so erzählen es die Schwestern von der Pequena Comunidad, der »Kleinen Gemeinschaft« in El Salvador.
Vom Gegner zum Freund der Kirche der Armen
Wie sich mit den Gemeinden der Armen aussöhnen? Diese Frage stellte sich Romero, denn er hatte als Kirchenfürst die Basisgemeinden in den Armenvierteln kritisiert und ihnen kaum geholfen, als sie brutal vom Militär und so genannten Sicherheitsdiensten verfolgt und massakriert wurden.
Romero ging zur Pequena Comunidad, zu den Schwestern, die diese Gemeinden begleiteten. Er bat sie, ihm zu helfen, zu einem neuen Verhältnis mit den bisher von ihm Gescholtenen zu kommen. Die Schwestern sagten zu. Was dann folgte waren Versammlungen und Aussprachen in den Gemeinden. Romero besuchte an der Seite der Schwestern diese verfolgten Comunidades in Zacamil, Mejicanos und anderen Armenvierteln und Dörfern El Salvadors
Da Aussöhnung nicht bloß aus Worten besteht, sondern konkret sein muss, ereignete sich am Ende dieser Treffen ein berührender Ritus, bei dem kein Auge trocken blieb: Fast jeder der Anwesenden Frauen und Männer umarmte Romero – und der in seinen früheren Jahren so berührungsscheue Erzbischof umarmte sie ebenfalls. Am Ende jedes dieser Treffen war Romero immer zerzaust und erschöpft. Doch die Armen, die einfachen Leute gaben ihm eine neue Kraft. Eine Courage, wie er sie zuvor in seinem Leben nicht gekannt hatte.
Ein Kühlschrank als Dankeschön
Wie sollte er sich bei den »Hermanas«, den Schwestern, für ihre Hilfe bedanken? »Eines Tages kam er gefahren, in einem, wenn ich mich richtig erinnere, blassblauen Pickup«, sagt Otilia Guardado. »Auf der Ladefläche war ein großer Kühlschrank festgezurrt.« Ein nordamerikanisches Modell. Den hatte Oscar Romero, der in anderen Zeiten seines Lebens so spirituell und klerikal abgehobene Erzbischof, für die Schwestern gekauft. Denn die acht Frauen, die im Hühnerhaus hinter einer Villa im Stadtteil Escalón in Hängematten schliefen, besaßen keinen Kühlschrank – und der ist in den Tropen nun mal ein sehr nützliches Ding, das das Leben erleichtert und komfortabler macht.
Fast mannsgroß und mächtig und mit einem gelegentlichen tiefen Rumpeln ausgestattet wurde dieser grau-beige Kühlschrank zu einem veritablen »Kühlschrank einer Freundschaft«. Dieser Kühlschrank, mit dem der bekehrte Bischof die Schwestern überraschte und beschenkte, hat den am 24. März 1980 getöteten Oscar Romero um viele Jahre überlebt.
Seligsprechung in El Salvdor
Am heutigen Pfingstsamstag wird Oscar Romero nun selig gesprochen. Doch im Vorfeld der von vielen seit langem ersehten Zeremonie gab es auch Kritik: »Die Kirchenhierarchie El Salvadors bereitet sich vor, den Festakt zu feiern. Aber ohne das salvadorianische Volk, für das Romero sein Leben hingegeben hat: ohne die Armen, die Landbevölkerung, die Basisgemeinden«, kritisierte Maik Pflaum von der Christlichen Initiative Romero (CIR). Der Zusammenschluss der Basisgemeinden El Salvadors, Fundahmer, wollte das nicht hinnehmen und organisierte Busse und Verpflegung, damit mehr als 400 Menschen heute aus den ländlichen Basisgemeinden an der Feier teilnehmen können.
Die Romero-Initiative unterstützt den Zusammenschluss der Basisgemeinden, früher Cebes genannt, seit zwanzig Jahren. Wurde Oscar Romero von den konservativen Kräften in El Salvador kritisch gesehen und totgeschwiegen, werde er jetzt auf einmal von ihnen zum Nationalheiligen gemacht, »auf den alle Salvadorenos sehr stolz sein können«, berichtete Pflaum.
»Sie hoffen: Wenn man ihn nur hoch genug in den Himmel hebt, kann man ihn vielleicht von seiner Botschaft abrücken. Und die lautete: Gerechtigkeit und Umverteilung der Reichtümer«, sagte der El-Salvador-Kenner. Er sieht in der plötzlichen Liebe der Rechten für Romero einen Versuch, den Grund, warum Romero ermordet wurde, mit Jubelgeschrei zu übertünchen. Zur Seligsprechung hat die CIR eine vierseitige »Romero-Zeitung« verfasst mit Beiträgen zur heutigen Bedeutung des Ermordeten. Die Zeitung kann gegen Porto bestellt werden.
Auch in Deutschland wird des Erzbischofs gedacht: Zu einem Gedenkgottesdienst im Frankfurter Dom und einem anschließenden Ermutigungsabend am Mittwoch, den 27. Mai, lädt die Katholische Akademie Rabanus Maurus gemeinsam mit einem breiten Unterstützerkreis ein.
