Romero, ein Freund des Opus Dei?
Erzbischof Oscar Romero (1917–1980) aus El Salvador wird selig gesprochen. Der Verteidiger der Armen und Freund der Befreiungstheologen ist offiziell als Märtyrer anerkannt, »ermordet aus Hass gegen den Glauben«, wie es im Vatikan heißt. Die ihn auslöschten, waren aber nicht nur rechtsextreme Politiker, sondern zugleich auch praktizierende Katholiken.
Nun will eine nicht gerade linke und schon gar nicht befreiungstheologisch engagierte Organisation Oscar Romero auf ihre Seite ziehen. Die oberste Leitung des Opus Dei in Rom verbreitet diese Botschaft: Romero gehört zu uns!
Will eine internationale katholische Organisation, die viele Beobachter einen »elitären Geheimbund der Reichen« nennen, die weltweite Zustimmung zum Bischof der Armen in eine ungeahnte Richtung lenken?
Kaum war die Seligsprechung Romeros bekannt gegeben, sprach schon der Chef des Opus Dei, Bischof Javier Echevarría, von einer tiefen und lange dauernden Zuneigung Oscar Romeros für seine Organisation und deren Gründer José Maria Escriva de Balaguer.
Oberflächlich betrachtet stimmt das auch: Oscar Romero war bis zu seiner Ernennung zum Erzbischof von San Salvador 1977 ein konservativer Theologe der alten römischen Schule. Deswegen hatten sich auch Vertreter der rechtsextremen Oligarchie 1977 für ihn als Erzbischof der Hauptstadt stark gemacht. Und er war zweifellos mit dem grundlegenden Buch des Opus Dei-Gründers vertraut: »Der Weg«, verfasst 1937, plädiert unter anderem für die Berufung der Laien zur Mitarbeit in der Kirche. Eine Idee, die Romero, den Seelsorger, begeisterte. Es ist auch wahr, dass Romero 1970 den Opus-Gründer in Rom besuchte und sich nach dessen Tod 1975 für dessen Seligsprechung einsetzte. Und sogar zu einer Zeit, als er Erzbischof von San Salvador war, von 1977 bis 1980, hielt er Kontakte mit dem dortigen Opus-Dei. Er wollte bewusst der Erzbischof aller Katholiken sein. Also durfte er auch zum Opus, diplomatisch klug, nicht die Kontakte abbrechen.
Sein Freund wird ermordet. Das erschüttert sein Weltbild
Es ist aber bezeichnend, dass in der offiziellen Stellungnahme des Opus jetzt auch nicht ansatzweise der »ganze Romero« gewürdigt wird.
Seit der Ermordung seines Freundes – des Befreiungstheologen Pater Rutilio Grande am 12. März 1977 durch die rechtsextremen Todesschwadronen – wurde Erzbischof Romero ein anderer: Die Sympathien für das Opus Dei schwanden.
Am Sonntag nach dem Mord an Pater Grande sollte nur ein einziger großer Gedenk-Gottesdienst in der Kathedrale stattfinden. Alle anderen Messen hatte Romero verboten. So setzte er ein bislang ungeahntes Zeichen des Widerstands gegen die tötende Willkür der Herrschenden. »Jedoch: Die Mitglieder vom Opus Dei hielten sich nicht an den erzbischöflichen Erlass«, schreibt der Schweizer Theologe Professor Giancarlo Collet, »sondern sie feierten tatsächlich ihre eigenen Messen. Dies war für Romero ein klares Zeichen für einen offenen Ungehorsam dem Erzbischof gegenüber.«
Die innere Distanz Romeros zum Opus setzte aber schon früher ein: Von 1970–74 arbeitete er bereits als Weihbischof in El Salvadors Hauptstadt San Salvador, und da hatte er unerfreuliche Erlebnisse. Dem Jesuiten P. César Jerez wollte er nur so viel anvertrauen: »Als ich Weihbischof von San Salvador wurde, fiel ich dem Opus Dei in die Hände! Und da war ich nun...« Romero bricht den Satz ab. Aus Wut? Oder aus Resignation?
1979 hatte er Gelegenheit, die Machenschaften von Bischöfen zu erleben, die dem Opus nahe standen, vor allem die des kolumbianischen Erzbischofs Lopez Trujillo von Medellin. Der setzte zudem als Generalsekretär des lateinamerikanischen Bischofsrates alles daran, Befreiungstheologen in ihrer auch politischen Option für die Armen zu diffamieren. Schon damals war vielen Beobachtern klar, dass Lopez Trujillo eng mit dem Opus Dei verbunden war
»Die Seligsprechung hat Trujillo bis 2008 blockiert«
Erzbischof Vinzenco Paglia musste Anfang Februar 2015 zugeben: »Erzbischof Romero litt unter einer brutalen Kampagne, die ihm das Ansehen rauben sollte. Diese Kampagne ging aus von der politischen Rechten, der salvadorianischen Botschaft beim heiligen Stuhl und von einigen Kardinälen, die Romero anklagten, Kommunist – und sogar geistig gestört – zu sein.« Mit »einige Kardinäle« meint Bischof Paglia zweifellos auch den späteren Kardinal Lopez Trujillo: Als er in Rom arbeitete, war er einer der schärfsten Gegner der Heiligsprechung Romeros. Das hat jetzt der im Vatikan geschätzte Historiker Andrea Riccardi bekannt gemacht. Eine Bestätigung dafür lieferte auch der Sekretär Romeros, Pater Jesus Delgado, als er sagte: »Die Seligsprechung hat der kolumbianische Kardinal Lopez Trujillo bis zu seinem Tod 2008 blockiert.«
Wie hat sich die Opus Zentrale in Rom zu ihrem angeblichen Freund Romero verhalten? Der Erzbischof hatte sich zwischen 1977 und 1980 mehrfach in Rom aufgehalten, um bei Papst Johannes Paul II. Verständnis für sein Engagement zu wecken. Aber er wurde nicht vorgelassen. Doch einmal gelang es ihm: Im Rahmen dieser Privataudienz übergab Romero dem Papst eine Dokumentation über den Terror gegen die Kirche in El Salvador und legte ihm Fotos von gefolterten und ermordeten Priestern vor. Doch der Papst interessierte sich kaum dafür. Er ermahnt ihn lediglich, eine bessere Beziehung zur Regierung seines Landes anzustreben.
Und nun soll der Erzbischof zu einer Art Ehrenmitglied des Opus Dei erklärt werden? Die wahren Freunde Romeros waren die Jesuiten, vor allem die Patres Ignacio Ellacuria und Jon Sobrino. Sie haben ihren Erzbischof theologisch beraten und politisch informiert. 1989 wurde fast die ganze Jesuitengemeinschaft in San Salvador von rechtsextremen Katholiken ermordet. Pater Ellacuria ging denselben Weg wie sein Freund Romero. Von der tiefen Verbundenheit Romeros mit den Jesuiten ist in der Opus-Dei-Stellungnahme keine Rede.
Was am Tag seiner Ermordung geschah
Am Tag seiner Ermordung, dem 24. März 1980, musste Romero ausgerechnet an einer Versammlung mit Opus-Dei-Leuten teilnehmen. Am Nachmittag dieses Tages wurde er von dem Opus Dei-Priester Fernando Saenz Lacalle zu der Kirche »Zur Vorsehung« gefahren: Dort wollte Romero eine Abendmesse feiern. Und dort wurde er während des Gottesdienstes im Auftrag rechtsextremer Katholiken erschossen. Ein merkwürdiges Zusammentreffen.
Dieser »Chauffeur« Romeros, der Opus-Dei-Priester Saenz Lacalle, wurde 1995 Erzbischof von San Salvador; er wurde sogar zum General der (damals allseits mordenden) Armee ernannt. Aber er, der sich zu Lebzeiten Romeros als sein Freund bezeichnete, hatte nichts Dringenderes zu tun, als das ganze Werk Romeros im Erzbistum zu zerstören: Er setzte neue, konservative Leute in die Kirchenzeitung und in das viel gehörte Kirchenradio; er begrenzte die Arbeit der kirchlichen Menschenrechtskommission.
Dank des Einflusses des Opus-Dei-Bischofs und seiner Organisation hat El Salvador heute das rigideste Abtreibungsgesetz der westlichen Welt. Dabei wird die ultra-konservative Kirche rund um das Opus Dei von der ARENA Partei unterstützt: Diese rechtsextreme Partei wurde von dem Initiator der Ermordung Romeros, General Roberto Da Aubuisson, gegründet.
»Er war ein frommer Mann«: Dieser Satz tötet Romero noch einmal
Wer noch Interesse an der Wahrheit hat, kann es nicht hinnehmen, dass das Opus Dei heute Oscar Romero in den eigenen konservativen Club eingliedert. »Das Werk« gibt bereits gönnerhaft die Prognose aus: »Oscar Romero wird ein sehr beliebter Heiliger sein.« Und es wird im Opus verschwiegen, dass die Seligsprechung Romeros immerhin 35 Jahre dauerte, die Selig – und Heiligsprechung des Opus-Gründers verlief hingegen im Eilverfahren: Alle Welt sollte möglichst schnell den heiligen Jose Maria, den Gründer, verehren: 1975 gestorben, 1992 schon selig und 2002 heilig!
Das Opus Dei, ein Freund Romeros? Unvorstellbar, dass sich diese elitären Katholiken im Ernst an diese Worte Erzbischof Romeros halten: »Es ist besser, ihr Reichen streift eure Ringe vom Finger, bevor man euch die Hand abhackt.« So gesagt in einer Predigt am 17. Februar 1980, etwa vier Wochen vor seiner Ermordung. Er sagte im selben Jahr: »Der Kapitalismus ist das Unchristlichste an der Gesellschaft, die wir haben. Es gibt einen Götzenkult des Privateigentums.«
Dem Opus-Dei-Chef hingegen fallen jetzt in seiner Würdigung des seligen Oscar Romero nur diese Worte ein: »Er war ein frommer Mann, lebte völlig selbstlos und diente seinem Volk. Man konnte spüren, dass er um die Heiligkeit kämpfte.«
Weitere Informationen – auch zur Frage, wie Sie diesen Romero-Abend unterstützen können – bei Dr. Thomas Wagner, Studienleiter Arbeit und Soziales in der Einen Welt, Domplatz 3, 60311 Frankfurt a. M. Telefon: 069 – 800 87 18 –405; E-Mail: [email protected]
