Sonntagsreden, Werktagsgeschäfte
Man dürfe nicht während der Woche dem zuwider handeln, was man an Sonntagen predige, wurde gesagt. Und aus diesem Grund hätten die katholischen Bischöfe entschieden: Den Weltbild-Konzern müssen wir loswerden.
Doch mit der Veräußerung des Unternehmens lässt sich die Verantwortung der Eigentümer und der Geschäftsführer nicht einfach so mitverkaufen. Insbesondere nicht die Verantwortung für Tausende von Beschäftigte, die mit ihrer Arbeitsleistung den Konzern groß gemacht haben. Nun wird ihre Zukunft aufs Spiel gesetzt.
Wenn die christliche Lehre nicht als bloße Sonntagsbotschaft verstanden werden soll, die werktags nichts mehr gilt, dann müssen deren Grundsätze sich gerade hier und jetzt bewähren: Die bei Weltbild beschäftigten Menschen haben ein Recht darauf, dass ihre Situation ernst genommen wird, dass sie Anerkennung und Wertschätzung erfahren. Doch genau da treten deutliche Mängel zu Tage.
Die extreme Wachstumsorientierung des Konzerns während der vergangenen Jahre hatte ihren hohen Preis. Ein sich immer stärker auf Marktanteile, Umsatzzahlen und Gewinnerwartungen verengender Blick hat ethische Orientierung und soziale Verantwortlichkeit ins Abseits gedrängt. Die Kirche trägt Verantwortung für die Kollateralschäden eines weitgehend unkontrollierten Unternehmensausbaus, der ein mittlerweile milliardenschweres Handelsimperium entstehen ließ. Die Folgen dieser rasanten Expansion beschränken sich keineswegs auf das Zulassen etwaiger »unmoralischer« Nischen im Sortiment.
Das eigentlich Anstößige sind nicht die Bücher....
Das eigentlich Anstößige, Unchristliche, Skandalöse tritt am deutlichsten zu Tage im Bereich des Weltbild-Ladengeschäfts. Gemeinsam mit dem Buchhandelsunternehmen Hugendubel war unter dem Namen Weltbildplus zunächst ein am Discounterprinzip orientiertes und mittlerweile stark verzweigtes Filialnetz errichtet worden. Später kam Jokers-Restseller hinzu. Schließlich kaufte Weltbild sich zu fünfzig Prozent bei Hugendubel ein und integrierte weitere regionale Filialketten in eine neu geschaffene Finanzholding (DBH). Unter sehr hohem Kapitaleinsatz startete ein aggressiv geführter Wettkampf mit dem Konkurrenten Thalia (Douglas-Konzern) um die Marktführerschaft im Buchhandel.
Diese Phase der ungehemmten Expansion wurde dann aber jäh gestoppt. Über Nacht begann ein radikaler Rückbau des überdimensionierten Ladengeschäfts; Entlassungen im großen Stil und Schließungen von Filialen waren - und sind - an der Tagesordnung. Als zukunftsweisend wurde nun das so genannte »Multichanneling« mit starker Umsatzverschiebung ins Internet proklamiert: Der Online-Verkauf soll künftig einen Großteil des bisherigen Filialgeschäfts übernehmen.
Hunderte landeten bereits auf der Straße
Hauptleidtragende dieser sehr unchristlichen Unternehmenspolitik sind die Beschäftigten; Hunderte landeten bereits auf der Straße. Die Arbeitsbedingungen für die in den Filialen verbliebenen Angestellten verschlechterten sich radikal. Besonders schutzlos ist das Personal in den weitgehend betriebsratslosen Weltbildplus- und Jokers-Läden. Und auch die Hugendubel-Betriebsräte haben einen schweren Stand angesichts eines Wirtschaftens, bei dem die Orientierung des Unternehmens an den eigenen Grundsätzen aus dem Sichtfeld geraten ist.
All dies hat den Handel mit Büchern in Deutschland sehr stark negativ verändert: Bei Weltbild ist kaum noch erkennbar, dass der Buchhandel auch einen kulturellen Auftrag zu erfüllen hat; dieser ist verschwunden hinter einem alles beherrschenden Streben nach Marktmacht. Abzulesen ist dies unter anderem an einer extremen Topseller-Orientierung, Boulevardisierung, Verflachung und Ausdünnung des Sortiments - bei gleichzeitiger inflationärer Ausweitung des Non-Book-Bereichs.
»Weltbild« zeigt, wie Buchhandel ohne Buchhändler geht
Weltbild praktiziert - erstmalig in der Branche - einen »Buchhandel ohne Buchhändler«: Bei konsequent zentralisiertem Einkauf benötigt der Filialbetrieb kein verantwortlich arbeitendes qualifiziertes Buchhandelspersonal mehr. Gefragt sind vor allem universell einsetzbare Regaleinräumer; beschäftigt werden zunehmend Minijobber, Praktikanten und Leiharbeitnehmer: Vertragsbefristungen sind die Regel.
Die Arbeitsbedingungen sind geprägt von fehlender Zukunftsperspektive angesichts starrer Hierarchien, tariflicher Abgruppierungen und Deklassierungen. Beklagt werden Misstrauen, Überwachung und Mobbing. Hinzu kommt die familienfeindliche Ausweitung und Flexibilisierung der Arbeitszeiten - inklusive höchst unchristlicher Ladenöffnungen an Sonntagen. Die Bischöfe tragen Verantwortung dafür, dass ein lukratives kirchliches Milliarden-Unternehmen sehr problematische Entwicklungen des Einzelhandels in die Buchbranche hineingetragen hat.
Die Entscheidungsträger sind nun gefordert, sich der aktuellen Gesamtsituation in einer offenen Diskussion zu stellen. Angesichts des bischöflichen Verkaufsbeschlusses steht jetzt die Zukunft des gesamten Konzerns auf dem Spiel. Warnende Stimmen sind zu vernehmen seitens der Katholischen Arbeitnehmerbewegung und der Betriebsseelsorge. Betriebsräte und die Gewerkschaft Verdi fordern - unter Streikandrohung - einen Zukunftssicherungs-Tarifvertrag für alle Beschäftigte. Verdi informiert hierzu im Internet mittels zweier sehr engagierter unternehmenskritischer Blogs - bei Hugendubel wie bei Weltbild.
Manche fordern: Gebt das Unternehmen in die Hände der Mitarbeiter!
Aus der Belegschaft kommt der Vorschlag, die Verkaufssumme solle einer gemeinnützigen Verwendung zugeführt werden. Daneben gibt es die Forderung, das Unternehmen den Mitarbeitern zu übereignen. Einig sind sich die Betroffenen darin, keinesfalls investierende »Heuschrecken« als Käufer akzeptieren zu wollen, die den Gesamtkonzern filetieren würden. Die Belegschaften der Teilunternehmen rücken näher zusammen; ein die Unternehmenstöchter integrierender Konzernbetriebsrat wurde gegründet; Verdi-Tarifkommissionen zur Zukunftssicherung bei Hugendubel und bei Weltbild agieren gemeinsam.
Die Beschäftigten des Weltbild-Konzerns erwarten eine gesicherte menschenwürdige Zukunft. Die Glaubwürdigkeit der Verantwortlichen steht jetzt auf dem Prüfstand.
