Stunde Null für die Protestanten
Dramatische Debatten waren das am Anfang! Heftige Diskussionen. Türenschlagen, Richtungsstreit, und in manchen Momenten stand das EKD-Projekt sogar auf der Kippe. – Kurz nach der Befreiung von der Hitler-Barbarei, dreieinhalb Monate nach der bedingungslosen Kapitulation des Dritten Reiches, treffen sich am 31. August 1945 im nordhessischen Treysa, einem kleinen, unzerstörten Fachwerkstädtchen in der amerikanischen Zone, die führenden Vertreter der lutherischen, reformierten und unierten Kirchen in Deutschland. Sie schaffen in scharfen Diskussionen gemeinsam einen neuen, nationalen Kirchenbund. Das Treffen Ende August in Treysa gilt als der Geburtstag der EKD, der Evangelischen Kirche in Deutschland. In den beiden Folgetreffen in Treysa im Mai 1946 und im Juni 1947 nimmt der neue Kirchenbund der deutschen Protestanten Gestalt an.
Ende der Obrigkeitskirche
Mit der EKD wandeln sich die evangelischen Kirchen in Deutschland erstmals zu zuverlässigen Stützen der Demokratie. Darin besteht der epochale Sprung vorwärts. Denn vor 1933, während der Weimarer Republik, stand die evangelische Kirche abgesehen von wenigen Ausnahmen nicht für die Demokratie und ihre Werte. Im Gegenteil: Viele evangelische Christen wählten die rechtsreaktionäre Deutschnationale Volkspartei. Im evangelischen Deutschland trauerte man allgemein der Monarchie nach, die in der Revolution 1918 untergegangen war. Also jenen »goldenen« Zeiten, in denen Kaiser Wilhelm II. den Titel »Summus Episcopus«, oberster Bischof, trug. Mehr als 400 Jahre lang durchzog die evangelische Kirche ein Obrigkeitsdenken. Seit den Zeiten Martin Luthers und der Reformation stand der Landesfürst an der Spitze der jeweiligen evangelischen Kirche. Erst mit der Gründung der EKD 1945 schlugen die evangelische Kirchen endgültig den Weg in Richtung Demokratie ein – und die EKD wurde zum Erfolgsmodell.
Die konfessionellen und mentalitätsmäßigen Gegensätze zwischen Reformierten, Lutheranern und Unierten, die in Treysa für heftige Debatten sorgten, sind längst überwunden. In der EKD gewöhnte man sich aneinander. Nach außen wirkte man erfolgreich in die bundesdeutsche Politik, nach innen fand man theologische Kompromisse. Doch bis aus den unterschiedlichen Partnern in der EKD eine volle Gemeinschaft wurde, dauerte es lange: Erst 1984 hatte man eine vollständige Kanzelgemeinschaft zwischen reformierten, lutherischen und unierten Kirchen erreicht.
In ihren ersten Jahrzehnten war die EKD für die Protestanten in West- wie Ostdeutschland eine große Schule der Demokratie. Danach kam die auf Druck des SED-Regimes erfolgte Trennung. Die Mitgliedschaft der acht östlichen Landeskirchen ruhte für vier Jahrzehnte bis nach der Wiedervereinigung. Doch der 1969 gegründete Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR entwickelte im Osten die demokratische Kultur und das Widerstehen trotz des politischen Drucks couragiert weiter. Beide Kirchenbünde bekannten sich ungeachtet der politischen Verhältnisse zu der besonderen Gemeinschaft der evangelischen Christen in Deutschland. Damit wirkte die EKD, ähnlich wie die katholische Deutsche Bischofskonferenz, als eine wichtige Klammer der deutschen Einheit zwischen Ost und West.
Eine bundesdeutsche Erfolgsgeschichte
Im Westen war die EKD auch eine politische Erfolgsstory: Die EKD hat die Geschicke Deutschlands seit 1945 wesentlich mitgeprägt. Ohne die großen EKD-Denkschriften wie zum Beispiel die seinerzeit hoch umstrittene »Ostdenkschrift« von 1965 hätte die Versöhnungspolitik Willy Brandts nicht so viel Schwung bekommen. Kaum ein großes, gesellschaftspolitisches Thema blieb in den EKD-Denkschriften ausgespart. Zahlreiche Dokumente lösten Kontroversen aus, unlängst beispielsweise die progressive Familiendenkschrift. Sie sorgt in frommen Kreisen für anhaltenden Wirbel.
Doch nach 1989, dem Ende der DDR, sind mit der Vereinigung der evangelischen Kirchen auch Fehler gemacht worden: Die große, westliche EKD schluckte den kleinen Partner Kirchenbund, so erlebten es viele engagierte Protestanten in Ostdeutschland. Deren einmalige Verdienste und Erfahrungen bei der gewaltfreien Revolution von 1989, die wesentlich von den evangelischen Christen ausging, wurde in den Westkirchen nicht genügend aufgegriffen.
In den sieben Jahrzehnten ihres Bestehens ist die EKD kleiner geworden: Anfangs sprach man für 40 Millionen Protestanten, heute nur noch für 22,5 Millionen. Doch die Struktur des Kirchenbundes erweist sich im Prozess der Säkularisierung als anpassungsstark – die EKD bildet eine lernfähige, keine starre Institution. Und sie wirkt nach wie vor zuverlässig als eine vitale Stütze der Werte-bewussten Demokratie in Deutschland.
Und just dies sorgt - typisch für die diskussionsfreudige EKD – für kritische Debatten. So kritisiert die Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags, Ellen Ueberschär, eine Theologin aus Ostdeutschland, die zu große Staatsnähe der EKD; sie solle ihre »traditionelle Obrigkeitsnähe« überdenken. Besonders kritisiert sie das Sozialwort der beiden großen Kirchen, die »Ökumenische Sozialinitiative« von 2014. Das darin enthaltene Bekenntnis zum bundesdeutschen Modell und gesellschaftlichem System übertreffe bei weitem die Aussage des ehemaligen DDR-Kirchenbundes, »Kirche im Sozialismus« zu sein.
Überträgt man journalistisch diese Kritik ins Feld der Politikerpersönlichkeiten, so fällt auf: Vom Bundespräsidenten, der Bundeskanzlerin über die CDU-Bundesminister de Maizière und Gröhe bis zur Grünen-Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckert gibt es viele führende Politiker in Berlin, die bekennende Protestanten sind und die EKD als ihre Heimat betrachten.
