Systemkritik statt lauer Worte
Die beiden großen Kirchen arbeiten an einem neuen Sozialwort, sie nennen es »Sozialinitiative«. Allerdings wird das Papier ohne Beteiligung der Basis geschrieben. Verbände, Basisorganisationen und Einzelne hätten aber Entscheidendes beizutragen, dass der Sozialinitiative Biss verliehe.
Es ist an der Zeit für ein »Sozialwort« der Kirchen, das »unsere Welt aufhorchen lässt«, erklärte Carl Friedrich von Weizsäcker bereits 1985. Unsere neuzeitliche Ökonomie hat zwar enorme Reichtümer und höchstes wissenschaftlich-technologisches Potenzial hervorgebracht. Doch die Skandalentwicklungen unserer Zeit hat sie nicht gelöst, sondern verschärft: extremer Reichtum einer Minderheit, Armut und Hunger in der Welt, Ausgrenzung und Hineindrängen in prekäre Lebensverhältnisse vieler, Verarmung der Öffentlichen Hand, Terror, neue kriegerische Konflikte und eine scheinbar nicht zu bremsende Zerstörung unseres Ökosystems.
Es geht um eine tiefgreifende Krise unserer Zivilisation, die nur durch eine grundlegende »Transformation« unserer Wirtschaftsweise bewältigt werden kann. Diese wird nur gelingen, wenn die Ursachen dieser Fehlentwicklungen, die »innere Logik«, »der treibende Motor« der vorherrschenden Wirtschaftsweise erkannt wird (Leonardo Boff). Das Problem sind die Leitprinzipien kapitalistischen Wirtschaftens: Nicht die Wohlfahrt aller und ein zukunftsfähiges Gemeinwesen ist Sinn und Ziel wirtschaftlichen Handelns, sondern die Konzentration von Reichtum und Kapital in privatwirtschaftlicher Hand, konkret: die Gewinn- und Renditenmaximierung allen Unternehmertums. Diese ist gepaart mit Ideologien und Verblendungen: die Vergötterung von Markt und Kapital, Reichtumsanhäufung und materiellem Wachstum. Aus dieser Fehlorientierung haben sich beispielsweise in Eigentumsordnung, Finanzwesen und Unternehmensverfassung wirtschaftliche Strukturen entwickelt, die zu den zerstörerischen Auswirkungen unserer Kultur geführt haben.
Hier läge die spezifische Aufgabe der Kirche: genau diese Ungeister und »widergöttlichen Mächte« (Kolosser 2, 8) aufzudecken und zur »Umkehr« zu rufen. Die Kirche sollte aufhören, »auf beiden Seiten zu hinken« (1. Könige 18, 21) und »lauwarme Worte« (Offenbarung 3, 16) von sich zu geben. Sie sollte aufhören, keine Seite verprellen zu wollen: gute Worte für die Benachteiligten, aber keine Infragestellung des kapitalistischen Wirtschaftssystems und seiner Profiteure. Sie muss nach den systemischen und mentalen Ursachen der gegenwärtigen Zivilisationskrise fragen.
Die Kirche sollte eine klare Richtungsansage wagen, in der die geistigen, ethischen und strukturellen Grundlagen einer lebensdienlichen und zukunftsfähigen Ökonomie benannt werden. Es gibt eine Fülle von Entwürfen und Modellen dieser Art, entwickelt beispielsweise in der Akademie Solidarische Ökonomie, in der Gemeinwohlinitiative in Österreich, in der Postwachstumsinitiative und den Wirtschaftswendebewegungen in Deutschland, in der Initiative anders wachsen – Wirtschaft braucht Alternativen zum Wachstum und vielen anderen.
Die Kirche sollte sich mit den Aufbruchsbewegungen unserer Zeit verbünden und viel entschiedener als bisher bei den Opfern der vorherrschenden Wirtschaftsweise stehen. Sie sollte in ihren eigenen Einrichtungen und Strukturen, etwa in ihrem Gehaltssystem, in ihren Anstellungsverhältnissen, in ihrer Geldpolitik und Ressourcenverwaltung entsprechende Änderungen wahrnehmen. Dabei sollte sie Mut haben, eher eine arme und kleinere, aber dem Evangelium gemäße und glaubwürdige Kirche zu werden. Nur so wird sie ihrer eigentlichen Berufung gerecht, »Salz der Erde« und »Licht der Welt« zu sein.
»Eine Kirche, die zuerst ihre Selbsterhaltung sucht, wird untergehen; eine Kirche, die sich in der Nachfolge Jesu aufs Spiel setzt, wird Zukunft haben«, sagte einst Werner Krusche, ehemaliger Bischof in der DDR.
Publik-Forum bietet in seiner »Aktion Sozialwort 2013« ein Forum für Verbände, Basisorganisationen und Einzelne, die Wege zu einer gerechten und nachhaltigen Gesellschaft weisen. Die bisher erschienenen Beiträge finden Sie, indem Sie im Info-Kasten »Kirchen-Sozialwort 2013« zu Beginn dieses Textes auf die Titel der zuvor erschienen Beiträge klicken.
