Um Luthers willen!
Im Ostseebad Timmendorfer Strand geht gerade eine EKD-Synode zu Ende, die vor allem eines war: Ein Rudern der deutschen Protestanten um Aufmerksamkeit für »ihren« Luther.
Margot Käßmann, die offizielle Luther-Frau der EKD, möchte, dass das Reformationsjubiläum 2017 »ökumenisch« begangen wird. Das ist schön. Noch schöner ist, dass schon vier Jahre vor dem großen Ereignis getrommelt wird, als gelte es die Welt zu retten und die gesamte Menschheit endlich zur Reformation zu bekehren. Natürlich zu einer »ökumenischen« Reformation, das haben wir schon verstanden, Frau Käßmann. Bloß: Ökumene – was ist das eigentlich heute?
Die Ökumene, das können wir uns aus dem Ausländischen herleiten, ist zunächst der ganze bewohnte Erdkreis. Und so darf ich als Protestant wohl hoffen, dass das Reformationsjubiläum weltweit – und nicht nur in Deutschland – begangen wird. Außerhalb Deutschlands womöglich mit mehr Intensität und innerer Beteiligung der Bewohner dieses Erdkreises als zum Beispiel in Thüringen und Sachsen-Anhalt, den Kernländern der Reformation.
Ökumene, das ist aber auch die Vielfalt der Kirchen im Abend- wie im Morgenland. Luther wollte die Kirche des Abendlandes reformieren und hat das auch erreicht. Nicht alle Teile der westlichen Kirche sind ihm dabei gefolgt. Die Kirchen des Ostens gingen da längst ihren eigenen Weg. Was soll ihnen die Reformation, wenn bärtige alte Männer mit fetten Kreuzen schon vor drei Pussys in die Knie gehen und Heerscharen von Gläubigen vor einem Gürtelfragment der Heiligen Jungfrau?
Ökumene – das ist zumindest in Deutschland und zumindest auf den ersten Blick aber auch und vor allem die Ökumene zwischen Protestanten und römischen Katholiken. Der Catholica(!)-Beauftragte der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Bischof Friedrich Weber, hat auf der gerade beendeten 11. Generalsynode der VELKD angeregt, mehr »ökumenische Amtshilfe« zu leisten und angesichts fehlender Pfarrerinnen und Pfarrer mehr ökumenische Sonntagsgottesdienste zu feiern. Wenn das römisch-katholische »Amt« diese Anregung aufgreift, statt der Ökumene ständig Knüppel zwischen die Beine zu werfen, kann das sicher nützen.
Lebendige Ökumene vor Ort setzt allerdings den brennenden Wunsch nach Ökumene voraus. Ein inneres Bedürfnis, das über die individuelle Betroffenheit Einzelner – etwa in konfessionsverbindenden Ehen oder gleichgeschlechtlichen Partnerschaften – hinausgeht. Vielerorts ist das der Fall. An St. Martin, zu Pfingsten, zu Einschulungen und Semestereröffnungen finden in ganz Deutschland ökumenische Gottesdienste statt. Das sind besondere Tage. Normalität ist das nicht.
Dabei sind die Voraussetzungen in Deutschland mit zwei zahlenmäßig etwa gleichstarken und großen Konfessionen besonders günstig, Ökumene auf Augenhöhe zu treiben – wenn denn die Protestanten sie einfordern und durchsetzen und beide Konfessionen, die Reformlager eingeschlossen, nicht in Selbstbezüglichkeit erstarren.
Und nicht zuletzt gibt es längst eine inner-konfessionelle Ökumene. Denn Christen sind die größte Einwanderergruppe in Deutschland. Sie gehören meist etablierten Konfessionsfamilien an, die es auch in Deutschland gibt. Und doch bringen sie etwas Eigenes mit: ihre Traditionen – und ihre Ansprüche, zum Beispiel auf »Re-Mission«.
Das komplexe Bild der Ökumene zeigt vor allem eins: Das Christentum verändert sich – auch hierzulande. Reformation findet statt. Immer. Nur nicht immer so, wie Luther dachte. Margot Käßmann weiß das. Und sie weiß damit auch: Luther-Lob allein bringt uns Protestanten nicht weiter. Wir müssen selber denken. Und uns auf ganze neue Re-Formation-en einstellen.
