Spiritualität
Vom Mut, »zu Grunde« zu gehen
Religion ist kein statisches Feld. Sie kennt Aufbrüche und Umbrüche – und zahlreiche Niedergänge. Wer daher den Niedergang der christlichen Kirchen in Europa beklagt – oder auch nur schlicht feststellt –, tut gut daran, sich an frühere Aufbrüche und Umbruchzeiten zu erinnern. Die große Zeit der europäischen Mystik zwischen 1150 und 1400 bietet zum Beispiel interessante Anknüpfungspunkte für die Gegenwart. Theologen wie Joachim von Fiore und Meister Eckhart haben die Frömmigkeitsgeschichte und das theologische Denken stark beeinflusst. Der süditalienische Abt Joachim (1135-1202) sah in seinen visionär- und geschichtstheologischen Schriften nach dem »Zeitalter des Vaters« und dem »Zeitalter des Sohnes« ein drittes heraufziehen, das »Zeitalter des Heiligen Geistes«. Es sei dadurch gekennzeichnet, dass sich eben dieser Geist unmittelbar – ohne kirchliche Vermittlung – im Herzen der Menschen offenbare. Im »Zeitalter des Vaters«, so Fiore, habe es noch ein großes Machtgefälle zwischen Gott und seinen »Kreaturen« gegeben. Dieses wurde zwar im »Zeitalter des Sohnes« relativiert, was Joachim an der Passage aus dem Johannesevangelium (15,15) festmacht, wo es heißt: »Ich habe euch nicht Knechte, sondern Freunde geheißen.« Durch viele Dogmen, Rituale und eine starke männliche Hierarchie sei aber das Machtgefälle im Grunde erhärtet worden. Im Zeitalter des Geistes sollte dagegen nicht mehr Petrus und die Papstkirche, sondern die Geistkirche des Johannes, des Lieblingsjüngers Jesu, im Mittelpunkt stehen.
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Hans Torwesten, geboren 1944, ist Kunstmaler und geistlicher Autor mit Schwerpunkt auf östlichen und westlichen Traditionen der Mystik.

