Vorsicht Satire, Frau Soliman!
Die philippinische Sozialministerin Corazon »Dinky« Juliano-Soliman hatte etwa einhundert Familien, mehr als vierhundert Obdachlose und Straßenkinder auf der Hauptverkehrsstraße in Manila aufsammeln und für die Zeit des Papstbesuches in eine luxuriöse Hotelanlage verfrachten lassen. Das musste Frau Soliman in einer Anhörung des Senats bestätigen, nachdem Zeitungen die Säuberungsaktionen aufgedeckt hatten. 4,75 Mio. Pesos – etwa 95.000 Euro – ließ der Staat sich diesen unfreiwilligen »Urlaub der Armen« in einer Hotelanlage kosten. Nur damit der Papst sie nicht sah.
Den im Internet zu lesenden Abodo Chronicles war das eine Satire wert. Papst Franziskus wurde das Zitat in den Mund gelegt: »Ich habe die Philippinen besucht, um bei den Armen, den Obdachlosen, Kranken und Unterdrückten sein zu können. Und es ist unverzeihlich, dass man sie vor mir versteckt –, nur damit die Regierung gut dasteht!« Dieser vermeintliche Wutausbruch grundierte die Überschrift des Artikels: »Papst Franziskus exkommuniziert die philippinische Sozialministerin Dinky Soliman«.
Was ist hier eigentlich die Satire?
Dass ein Sozialministerium die Straßen während des Papstbesuchs von Straßenkindern und obdachlosen Familien »säubert«: Ist das aber nicht die eigentliche Satire?
Dass der Papst die politisch Verantwortliche exkommunizieren könnte, schien mir jedenfalls völlig logisch. Und so dachte ich mir, als ich den Artikel im Netz las: »Der prophetische Papst Franziskus tut nicht nur den Mund auf für die Armen und arm Gemachten und er redet den Reichen und Mächtigen auch nicht nur ins Gewissen. Nein, er greift zum Mittel der Exkommunikation!« Mit erschien das naheliegend. Denn manchmal verstehen religiöse Menschen vielleicht keine andere Sprache so gut wie diese. Das gleich ein Foto mitgeliefert wurde, auf dem Frau Soliman in Tränen ausbricht – vermeintlich ob des päpstlichen Bannspruchs -, passte ins Bild.
Hatten wir schließlich nicht lange genug darauf gewartet, dass ein Papst einmal die Feinde der Menschen exkommunizieren würde? Die Pinochets und die Hitlers dieser Erde? Und hatte Papst Franziskus nicht schon einmal ein klares Zeichen gesetzt, als er die Mafiosi in Süditalien exkommuniziert hatte? Jetzt exkommunizierte er also auch eine Sozialministerin, die Arme missachtete! Total logisch.
»Alles Satire!« – schrieb mir dann ein Freund aus den Philippinen. »Schade eigentlich«, dachte ich. Der Papst hätte in diesem Fall zwar ziemlich hart reagiert, aber doch irgendwie die richtige Konsequenz gezogen. Statt einer autoritären Exkommunikation »von oben« bräuchte es natürlich besser einen innerkirchlich-synodalen Verständigungsprozess über die Frage: Was heißt es, Christ und Kirche in einer Welt zu sein, die zwischen Arm und Reich tief gespalten ist? Aber Synode hin oder her – ich hätte dieser Exkommunikation – mit erheblichen Bauchschmerzen im Verfahren – trotzdem inhaltlich etwas abgewinnen können.
Ein ehemaliger Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), Willem Visser’t Hooft, hatte 1968 auf der Vollversammlung des Rates in Uppsala von einer »ethischen Häresie« gesprochen. Zum rechten Glauben gehöre auch das rechte Handeln, hatte er gesagt. Und ich erinnerte mich an ihn, gerade jetzt. »Wer sich an den Armen vergreift, der ist häretisch«, dachte ich. Theologisch würde man sagen: »Orthodoxie und Orthopraxie gehören zusammen!«
»Die Hauptstraße in einen sicheren Zustand bringen«
Bei der Anhörung vor dem Senat hatte Dinky Soliman gesagt: »Frau Vorsitzende, es ist wahr, dass wir für die Ankunft des Papstes die Hauptstraße von Manila in einen sicheren Zustand bringen wollten.« Dass man so viele Menschen von der Straße in eine Hotelanlage gebracht habe, sei Teil der Aktion »Familiencamp für obdachlose Familien«. Franziskus habe die Armen ja trotzdem zu Gesicht bekommen: Vierhundert Straßenkinder hätten bei der Verabschiedung des Papstes gesungen. Sie hätten seit Dezember für ihren Auftritt geprobt. »Mein Gott!«, dachte ich, als ich das las: »Das ist die wahre Satire der philippinischen Realität!« Wenige Stunden nachdem der Papst die Philippinen verlassen hatte, wurden die Obdachlosen übrigens wieder zurück nach Manila gekarrt – und ihrem Schicksal überlassen.
Bischöfe auf den Philippinen fordern immer wieder einen sofortigen Stopp der Zerstörung von Elendsvierteln und der Vertreibung der Armen. Mit gutem Grund: Im Großraum Manila leben über 4,4 Millionen Menschen in solchen Vierteln. Tausende Familien haben nicht einmal ein Dach über dem Kopf. Schon lange und immer wieder geht die Stadtverwaltung auch gewaltsam gegen die Bewohner vor und vertreibt sie, wenn sie den Stadtplanungen für den Bau von schicken Wohnungen, Shoppings Malls oder dergleichen im Wege stehen. Ich selber konnte miterleben, wie eine solche Vertreibung vor sich ging. Bewaffnete Polizisten rücken mit Bulldozern an und walzen mit unglaublicher Brutalität alles nieder.
Man wäre ja so gern eine wunderbare moderne Stadt! – Ohne diese Bettler und Straßenkinder. Das aber wird man nicht, wenn man die Armen wegsperrt. Das wird man nur, wenn man für Gerechtigkeit sorgt. Deshalb, sehr geehrte Frau Soliman, sollte Ihnen die Satire über Ihre angebliche Exkommunikation eine Warnung sein. Kann ja alles noch kommen ...
