Christlicher Antisemitismus
Wahrer Gott und wahrer Mensch
Der Wiener Theologe Wolfgang Treitler hat in Publik-Forum 2/2024 (Seite 33) einen erschreckenden Befund erhoben und weitreichende Konsequenzen für das christliche Glaubensverständnis gefordert. Den Glauben an die göttliche Natur Jesu Christi bezeichnet Treitler als grundsätzliche Verneinung des Judentums. Die entsprechende Lehre des Konzils von Nicäa aus dem Jahr 325, die bis heute Grundlage aller christlichen Konfessionen ist, ist für ihn die Liquidierung von Jesu Judesein. Denn »die Festlegung, dass ein Mensch Gott sei, widersprach und widerspricht direkt allen jüdischen Überzeugungen, die Jesus geteilt hatte«. Zugleich kritisiert er die Idee, dass Jesu Sieg über den Tod die eschatologische Vollendung bereits in der Geschichte erfahrbar mache, als unjüdisch. Er beharrt darauf, dass es auch für Christen unumgänglich sei, die eigentliche Vollendung zu vermissen und weiter auf sie zu hoffen. Wäre Jesus als Mensch Gott, so hätte er nicht scheitern dürfen, sondern machtvoll die paradiesische Schöpfungsfreude wiederherstellen müssen. Statt das Scheitern Jesu zu akzeptieren, hätte die Kirche ihn in eine »siegreiche, in den Himmel aufgestiegene Herrschergestalt« umgedeutet, mit fatalen Folgen für die jüdische Gemeinschaft.
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Klaus von Stosch, geboren 1971, ist Schlegel-Professor für Systematische Theologie unter besonderer Berücksichtigung gesellschaftlicher Herausforderungen. Er lehrt an der Uni Bonn und ist Mitherausgeber von Publik-Forum.

