Was mir nicht fehlt
»Corona« (Mai 2020)
Dieser Text ist ziemlich früh im ersten Lockdown 2020 entstanden – damals konnte ich noch die Vorzüge eines Lockdown-Alltags wertschätzen.
Was mir nicht fehlt
Um 5:30 Uhr von null auf hundert. Müde Kinder aus den Betten zerren. Müde Kinder zum Frühstück
nötigen. Brotdosen richten. Müde Kinder in Dunkelheit und Kälte zur Bushaltestelle bringen. Müde
Kinder in den Bus schieben.
Was mir nicht fehlt
Augenbrauen zupfen. Make-up auftragen. Fleckenlose Kleidung finden. Blusen bügeln.
Wäscheberge.
Was mir nicht fehlt
Autofahren. Tanken. Busfahren. Schwere Taschen schleppen.
Schwiegerelternbesuche. Familienfeiern. Reisen planen.
Was mir nicht fehlt
Handschuhe, Hausschuhe, Turnschuhe auf Schulfluren finden. Kinder auf Schulhöfen finden.
Mütterblicke auf Schulhöfen aushalten. Taschen auf Schulhöfen auf Fahrräder stapeln.
An Fußballfeldrändern stehen. Mit Menschen, die ich nicht mag, an Fußballfeldrändern stehen. Mit
Menschen, die nicht mit mir sprechen, an Fußballfeldrändern stehen. An Fußballfeldrändern stehen
und Interesse vortäuschen.
Was mir nicht fehlt
Kopfschmerzen. Bauchschmerzen. Rückenschmerzen. Halsschmerzen.
Kinder antreiben. Mich antreiben. Wäsche mit erhöhter Pulsfrequenz aufhängen. Wäsche mit
erhöhter Pulsfrequenz abhängen. Essen mit erhöhter Pulsfrequenz kochen. Einkäufe mit erhöhter
Pulsfrequenz erledigen. Taschen packen, Taschen auspacken, Taschen umpacken.
Was mir nicht fehlt
Auf Rückrufe warten. Abends um acht bettmüde sein.
Ungelesene Zeitungen. Kalte Tassen Tee. Frisörbesuche.
Was mir fehlt
Du.
Publik-Forum EDITION
»Das Ende des billigen Wohlstands«
Wege zu einer Wirtschaft, die nicht zerstört.»Hinter diesem Buch steckt mein Traum von einer Wirtschaft, die ohne Zerstörung auskommt. / mehr
A room of my own (Mai 2021)
In memoriam Virginia Woolf
Dieser Text entstand genau ein Jahr später. Die beiden Texte stehen sich gegenüber und zeichnen vielleicht eine Erfahrungsentwicklung nach, die viele Mütter in diesem Jahr teilen.
A room of my own
Schritte aus Ehrfurcht erklimmen die Treppen – meine Schritte.
Ein Dach wölbt sich bergend und lächelnd und freundlich – mein Dach.
Ein Schlüssel im Schloss einer hölzernen Tür – Zögern.
Vorsichtig stößt diese Tür so dann auf und
Freudiges Staunen durchflutet die Kammer.
Ein Zimmer. Ein Ort. Ein heiliger Raum.
A room of my own.
Geschäftig streiche ich glatt
Die Hose, die Bluse, die Strümpfe.
Die Schranktür geht so geschmeidig.
Das Holz hat jemand poliert.
Ich nehme in Besitz
Das Bad mit meiner Seife
Das Bett mit meinen Büchern
Die Bank mit meinen Äpfeln
Den Tisch mit meinen Blättern.
Dann trage ich den Sessel – meinen Sessel!
Zum Fensterchen und blicke hinaus:
Straße behäbig im Fleckchen verschlafen
Im Hinterland vergessen vor Nordsees Küste.
Ich richte das Kissen – mein Kissen!
Ich richte den Schemel – meinen Schemel!
Das Sims reicht gerade für meine Siebensachen
Mein Wasser mein Apfel mein Bleistift
Nie schmeckten mir Äpfel so herrlich und ich wünschte die Schnitze nähmen kein Ende.
Schulkinder ziehen an meinem Fenster vorbei
Sind sie nicht das Entzücken?
Ich füttere sie nicht
Ich ermutige sie nicht
Ich kleide sie nicht
Ich tröste sie nicht
Ich sorge mich nicht
Ich begleite sie nicht
Ich betrachte sie nur wie Wolken am Himmel im Wind
Ich betrachte sie nur, wie ein Grüppchen nach dem nächsten
Die Straße herunter trabt und dann um die Häuser biegt
Ich betrachte sie nur.
Und manchmal, wenn gerade keine Schulglocke läutet und kein Schulbus sie auswirft
Dann bequemt sich gelegentlich ein Postauto
Oder ein Lieferwagen
Mein Standbild mit Abwechslung zu versorgen.
Und ist nicht ein Hund, der ausgeführt wird
Und sind nicht Nachbarn, die aufbrechen,
So ist doch zumindest ein Spätzchen, das direkt vor meinem Ausguck vorbeiflattert
Hoch hinauf in die Ahornskrone, die rotblättrig sich in den Frühling kämpft.
Mein Platz ist im Baum.
Der Regen fällt weich so weich
Eine Krähe in Königsschwarz stürzt sich herunter
Das Nachbarhaus deckt Reet
In die holzgrüne Dachluke hat jemand ein Schepp-Herz geschnitzt.
Eine zausige Flagge findet nicht Ruhe im Wind.
Und da – noch eins taucht Mantel-tragend hinter der Biegung auf.
(Warum nur immerzu und zu allen Zeiten und Tagen sie ihre Mäntel über dem Arm nach Hause tragen?)
Ich werde nicht müde hinauszublicken.
Alles, was ich sah, ist wahr
Inklusive Regenbogen.
Was ich höre –
Stille.
Und
Leise Heiterkeit.
Heilige Heiterkeit
wenn ich nur mit mir bin.
A holy room of my own.
______
Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«
______
Jeden Morgen kostenlos per E-Mail: Spiritletter von Publik-Forum
Dies ist ein Beitrag im Rahmen des Erzählprojektes von Publik-Forum »Die Liebe in Zeiten von Corona«. Wir laden unsere Leserinnen und Leser ein zu unserem Erzählprojekt: Bitte schreiben Sie uns Ihre Erfahrungen, Nöte, Ängste und Ihre Zuversicht in Zeiten von Corona.
