China
Xi Jinping und die Lehre von Tian Xia
Seit Xi Jinping Präsident der Volksrepublik China ist, wird ein antiker Begriff neu inszeniert: Tian Xia, alles unter dem Himmel. Vereinfacht zusammengefasst meint Tian Xia, dass Harmonie und Ordnung herrschen, wenn ein zentraler weiser Fürst die Geschicke der Welt lenkt, es keine Feindschaften mehr gibt, weil alle als Freunde miteinander leben, keine Konkurrenz, weil alle zu einer Familie gehören. Die Neue Seidenstraße, das größte Infrastrukturprojekt aller Zeiten, gehört ebenso zum modernen Tian Xia wie der Kampf gegen Korruption. Der chinesische Traum besteht darin, Glanz und Status der Nation (wieder) herzustellen und der Welt Lösungen für Menschheitsprobleme zu bieten, nach chinesischem Modell. Dabei scheint es Xi Jinping ein besonderes Anliegen zu sein, die Herzen der Menschen zu gewinnen und – in pseudoreligiöser Weise – ihr Vertrauen. So widmet die Regierung dem Thema Religiosität sehr viel mehr Aufmerksamkeit als ihre Vorgänger. Man interessiert sich nicht nur für Glaubensfragen im eigenen Land, sondern beobachtet auch religiöse Entwicklungen weltweit. Die starke persönliche Motivation, die mit dem Glauben einhergehen kann, hat Xi Jinping als junger Mann selbst erlebt und reflektiert, auch wenn es damals um den Glauben an Mao und die sozialistische Erneuerung der Gesellschaft ging.
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Isabel Friemann ist evangelische Theologin, Sinologin und Leiterin der China Infostelle.

