Darf man in den Urlaub fliegen?
»Unter bestimmten Bedingungen ist es schon in Ordnung, ab und zu in den Urlaub zu fliegen. Der Klimaschutz ist zwar ein wichtiges Argument dagegen. Doch komplett auf Fernreisen zu verzichten hätte weitreichende Folgen: In etlichen Ländern, die vom Tourismus leben, würde es die Volkswirtschaft ruinieren. Spannende Kulturen und Naturschauspiele könnte man nicht mehr mit eigenen Augen erleben. Auch die Völkerverständigung würde darunter leiden, wenn wir uns die Begegnung mit Kulturen in Afrika, Asien oder Lateinamerika nähmen. Reisen in ferne Länder weitet den Horizont und ermöglicht die Erfahrung des »selbst Andersseins«. Das ist das beste Mittel gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.
Der Ferntourismus trägt auch zum Schutz seltener Tiere bei: Elefanten und Gorillas gäbe es ohne den Tourismus womöglich nicht mehr. Wer vom Whale-Watching lebt, jagt keine Wale mehr. Und dass in Ruanda sogar während des Genozids die Gorillas überlebten, liegt daran, dass die einheimische Bevölkerung wusste, dass diese Tiere und ihr Lebensraum einen Wert für Touristen haben.
In einigen Ländern Lateinamerikas hat der Tourismus dazu geführt, dass die marginalisierte indigene Bevölkerung ein neues Selbstbewusstsein für sich und ihre Kultur entwickelt hat. Und welche Alternativen zum Tourismus hätte etwa Namibia, wenn keiner mehr hinflöge? Die Wirtschaft würde nur noch auf den Export von Uran und Rindfleisch setzen – und das wäre nicht nachhaltig.
Es gibt also gute Gründe, Reisen in ferne Länder zu unternehmen – und das geht in den allermeisten Fälllen nur mit dem Flugzeug. Doch das sollte man wohldosiert tun – weniger oft und dafür länger am Urlaubsort bleiben. Den CO2-Ausstoß sollte man kompensieren, etwa bei atmosfair oder einem anderen Anbieter von hochwertigen Klimaschutzprojekten. Wohin man gut mit der Bahn kommt, dahin sollte man nicht fliegen.«
Reiner Neises: »Nein! Besser nicht«
»Der Klimawandel zwingt zum Handeln. Gerade Christen sollten ihren ökologischen Fußabdruck im Blick haben. Mit nichts kann man so viel und so leicht CO2 produzieren oder auch vermeiden wie mit dem eigenen Mobilitätsverhalten.
Als San Francisco vor Jahren Plastiktüten verbot, rechnete das Ökoinstitut Freiburg aus, dass man 500 000 Plastiktüten einsparen müsste, um einen einzigen Flug nach San Francisco zu kompensieren. Wer nach Neuseeland und zurück fliegt, verbraucht das Fünffache seines klimaverträglichen Jahresbudgets an CO2-Emissionen und selbst innerhalb Europas noch bis zu einem Jahresbudget. Dabei ist das klimaverträgliche Jahresbudget bei dieser Berechnung mit 2,3 Tonnen Kohlendioxid schon sehr hoch angesetzt. Da sollte man schon einen triftigen Grund haben, um ins Flugzeug zu steigen.
Kein Strand der Welt und kein Urlaubsgetto können einen Flug rechtfertigen. Wer für den Besuch eines Naturparks ein Flugzeug braucht, hat erst recht etwas falsch verstanden. Kurzurlaube sind völlig tabu. Ziele innerhalb Europas sind häufig auch mit der Bahn zu erreichen, wobei die Nachfrage letztlich das Angebot bestimmt.
Wenn man schon fliegen muss, dann bitte mit Kompensationszahlung an ein Klimaschutzprogramm. 99 Prozent der Fluggäste mogeln sich aus ihrer Verantwortung.
Gefragt ist auch die Politik. Bis zu zwölf Milliarden Euro klimaschädliche Subventionen gewährt der Bundeshaushalt jährlich für den Luftverkehr durch Verzicht auf Kerosinsteuer und Befreiung internationaler Flüge von der Mehrwertsteuer – zum Schaden der Volkswirtschaft. Auf jeden Euro, der durch internationale Gäste ins Inland kommt, werden zwei Euro an Kaufkraft ins Ausland geflogen. Diese Subventionen müssen abgeschafft werden. Wenn das Fliegen teurer wird, werden viele Touristen auf klimafreundlichere Reiseziele und Verkehrsmittel umsteigen.«
Reiner Neises, geboren 1967, wohnt in Karlsruhe und engagiert sich im Arbeitskreis Flugverkehr des Verkehrsclubs Deutschland (VCD).
