Literatur
Alte Frauen lassen sich nicht enteignen, sie trotzen den Verlusten
Kurzgeschichten. Alte Frauen kommen in der Literatur jenseits von stereotypen Bildern wie der weisen oder schrulligen Alten kaum vor. Doch das ändert sich. Die Heldinnen der britischen Autorin Jane Campbell in ihrem Buch »Kleine Kratzer« sind zwischen 70 und 90. In 13 Porträts sehr unterschiedlicher Frauen zeigt Campbell, was alt sein für Frauen bedeuten kann. Mit schwarzem Humor meint da eine, sie gehöre jetzt »zur Kategorie abgetakelte Fregatte«. Eine andere beschreibt mit feiner Ironie, wie der Körper »dicker und faltiger«, aber auch zärtlicher wird. In der Erzählung »Katzenbuckel« bürstet eine alte Frau eine alte Siamkatze, beide genießen den Körperkontakt. Sie schauen schweigend aufs Meer, die Frau sinniert: »Das Altern ist ein Prozess der Enteignung. Freiheit, Respekt, Lust, all das, was man früher so selbstverständlich besessen und genossen hat, wird einem nach und nach genommen.« Aber alle diese Frauen lassen sich nicht einfach enteignen. Sie trotzen der Vergesslichkeit, den Verlusten und behaupten sich mit Wünschen nach Sinnlichkeit, haben Fantasie und Rachegelüste, verspüren Lust auf erstaunliche Entscheidungen und können im Alter auf einmal liebevoll oder auch von Herzen listig und gemein sein. Die Autorin Jane Campbell selbst war 80 Jahre alt, als sie mit diesem Erzählband ihr Debüt als Schriftstellerin gab. Zuvor arbeitete sie als Psychoanalytikerin in Oxford. Sie schöpft aus einem Fundus oft verborgener Geschichten von Frauen und verwandelt sie mit feinfühliger Sprache in befreiende Bilder.
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