Literatur
Geschichten von Ritualen, die überlebenswichtig sind

Erzählungen. Eine Frau wird von unerklärlichen Magenkrämpfen heimgesucht. Sie muss sich täglich erbrechen. Der Zwang setzt ein, als sie von einem geliebten Menschen verlassen wird, lässt sich aber nicht medizinisch dingfest machen. Erst drei japanische Schalen, die sie täglich mit einfachen Speisen wie Reis oder Hühnerfleisch füllt, lindern ihr Leid. Die ritualisierte Zubereitung überwindet den Zwang.
In ihrem Erzählband »Drei Schalen« versammelt die italienische Schriftstellerin Michela Murgia zwölf lose verbundene Geschichten, in denen Rituale überlebenswichtig sind. Ihre Figuren sehen sich mit plötzlichen Schicksalsschlägen konfrontiert und gehen teils groteske Wege, um damit umzugehen. Der geliebte Sohn, der ausgezogen ist, wird kurzerhand durch den Pappaufsteller eines koreanischen Popstars ersetzt, der weder altern noch verschwinden kann. Murgia beschreibt diese Überlebensstrategien in einem heiteren Ton, der die großen und kleinen Katastrophen des Lebens ernst nimmt, aber nie in Resignation verfällt.
Nicht zuletzt setzt sich Murgia mit ihrem eigenen Schicksal auseinander. Im Mai 2023 machte sie öffentlich, dass sie an einem unheilbaren Nierenkarzinom leide. Obwohl der Erzählband kein autofiktionales Werk ist, dokumentiert er diese Erfahrung. Murgia starb im August 2023. Mit »Drei Schalen« gibt sie ihren Leserinnen und Lesern über ihr eigenes Leben hinaus einen Fingerzeig, wie sich trotz alledem leben lässt. Ein Buch, das tröstet.
Michela Murgia: Drei Schalen. Übersetzt von Esther Hansen. Wagenbach. 160 Seiten. 20 €
