Kolumne von Anne Lemhöfer
Lasst es doch glitzern
Als ich ein Kind war, hießen die Geschichten in Erstlesebüchern »Ich will Automechanikerin werden« oder »Ich will auch auf Bäume klettern«. Heldinnen in Kinderbüchern waren Pippi Langstrumpf, Ronja Räubertochter und die rote Zora: kluge, wilde, freche Mädchen mit aufgeschürften Knien. Selbstbewusste kleine Individuen, die ihren Lehrern widersprachen und der spießigen Welt mit fröhlicher Anarchie begegneten. Ich mochte das. Meine Eltern, meine Lehrerinnen und die Pfadfinderleiterinnen ebenso. Es waren die 1980er-Jahre, Geschlechterrollen galten als veraltet, Rosa war verpönt. Mädchen und Jungen spielten zusammen Lego und bekamen denselben Topfschnitt verpasst. So war der Zeitgeist. Ein schöner Zeitgeist. Aber leider verdienen meine Grundschulfreundinnen und ich heute, dreißig Jahre später, immer noch nicht so viel wie die Jungs, mit denen wir auf dem Hof Fußball spielten. Keine von uns ist Automechanikerin oder Ingenieurin geworden. Wir haben »was mit Medien« oder »was mit Sprachen« studiert. Am Spielzeug kann es nicht gelegen haben.
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Anne Lemhöfer, geboren 1978, ist Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau und freie Autorin. Sie lebt mit ihrer Familie in Frankfurt am Main. Die Kolumne schreibt sie im Wechsel mit Fabian Vogt.
