Publik-Forum beim Katholikentag
Quo vadis, Christentum?
Es sind schon kleinere Fragen in eineinhalb Stunden diskutiert worden. Wer kann schon wissen, »wohin das Christentum geht«? Es war daher klar, dass das Podium mit dem Pastoraltheologen Norbert Mette, der KLJB-Bundeseelsorgerin Lena Bowen und Bischof Georg Bätzing von Limburg auf diese Frage keine eindeutige Antwort fand. Doch die Beobachtungen und Analysen, die auf dem Thementag von Publik-Forum vor rund 250 Zuhörenden vorgetragen wurden, boten durchaus Überraschendes – gerade, weil sie verschiedene Perspektiven abdeckten.
Moderator Michael Schrom verglich die religiöse Großwetterlage mit einem Gletscherabbruch im Polarmeer. Das im Meer herumtreibende Packeis, Überreste einer vergangenen Gestalt von Religion, setze sich neue zusammen und nehme überraschende Formen an, die Chancen aber auch gefährliche Risiken böten.
Trotz Traditionsabbruch und schwindendem Glaubenswissen – »nie war es leichter als heute Christ zu sein«, behauptete etwa Bischof Georg Bätzing. Denn: In einer individualisierten Gesellschaft habe jeder seinen Spleen, und das werde auch toleriert. Bätzing widersprach der These des 2024 verstorbenen Religionssoziologen Franz Xaver Kaufmann, wonach es in einer oberflächlichen Gesellschaft schwieriger sei, als Christ zu leben und jede und jeder, der damit ernst mache, ein Störfall für die Gesellschaft – und, wie Norbert Mette betonte – auch für die eigene Kirche darstelle. Eine Schicksalsfrage, so Bätzing, sei, wer die Deutungshoheit über das Christentum habe. Da sei er froh, dass Papst Leo XIV. klar und deutlich den Instrumentalisierungen Trumps widersprochen habe.
Die Sprengkraft des Christlichen
Ist es noch (oder wieder) anstößig Christ oder Christin zu sein? Norbert Mette ist davon überzeugt. »Die Botschaft Jesu hat Sprengkraft, die die Kultur der modernen Gesellschaft infrage stellt. Wer christlich lebt, ist schwierig für diese Kultur.« Das zeigte sich auch in den persönlichen Erfahrungen von Lena Bowen: »Seitdem ich als Seelsorgerin für die Kirche arbeite, muss ich immer wieder diskutieren, warum ich noch in der Kirche bin und für sie arbeite. Gerade junge Menschen hadern mit dieser Institution.« Das zeige sich auch darin, dass Jugendverbände und Kirche getrennt wahrgenommen werden.
Einig war man sich, dass man glaubensfernen Menschen nicht länger unterstellen dürfe, dass sie etwas vermissen würden, was ihnen nur die Kirche geben könne. Bätzing sagte dazu: »Ich kann mir nicht vorstellen, ohne Beziehung zu Gott zu leben, muss aber zugestehen, dass andere das anders sehen.«
Norbert Mette warb dafür, ins Gespräch mit den Kirchen- und Religionsfernen zu gehen. Auch aus rein theologischen Gründen müsse man aufhören, immer nur auf die Kirche zu schauen. Unter Berufung auf Karl Rahner sagte er: »Das Volk Gottes umfasst alle Menschen, die Kirchen sind nur die Avantgarde. Das Heil ist universell für alle Menschen.« Lena Bowen beschrieb, wie sie immer wieder erlebe, dass junge Menschen durchaus auf der Suche nach Gott seien. Für junge Menschen stellte sich jedoch mit dem Missbrauchskomplex die Theodizeefrage.
Wenn die App den Glauben bestimmt
Völlig offen ist, welchen Einfluss Künstliche Intelligenz auf die Sozialgestalt des Christentums nehmen wird. Die von dem Milliardär Peter Thiel gesponserte und in den USA millionenfach verkaufte Gebets-App »Hallow« (Heilige) bietet religiöse Begleitung im Stile eines geistlichen Fitnesstrainers. Und nimmt für sich in Anspruch, dass die Antworten auf Glaubensfragen hundertprozentig dem katholischen Lehramt entsprächen.
Lena Bowen sagte, dass soziale Medien bereits heute dramatische Veränderungen mit sich gebracht hätten, weil provokante Aussagen eher ausgespielt würden als reflektierte Abgewogenheit. Außerdem beeindrucke es junge Menschen, wenn die Influencerin, der sie beispielsweise aufgrund von Mode- oder Schminktipps folgten, sich plötzlich als gläubig oute. Nicht selten seien damit aber auch reaktionäre Botschaften verbunden, etwa, dass man sich als Frau dem Mann unterzuordnen habe. Lena Bowen appellierte, die Medienkompetenz zu stärken und auszubauen, denn »Verbote von sozialen Medien oder Apps sind keine Lösung«.
Norbert Mette erklärte, dass die Instrumentalisierung des Glaubens kein neues Phänomen sei. Dass der Glaube genutzt werde, um Macht zu vergrößern, lasse sich bis zur Konstantinischen Wende zurückverfolgen. Umso bedauerlicher sei es, dass wegweisende Papiere von Papst Franziskus und von Papst Leo XIV. zur ökologischen und zur sozialen Frage nicht zur Kenntnis genommen und auch in den Medien kaum vorkämen.
Was erfolgreich ist und was nicht, lässt sich schwer vorhersagen. So wurde zwar das Wort der Bischöfe gegen die AfD und völkischen Nationalismus breit rezipiert, hatte aber auf das Wahlverhalten der Katholikinnen und Katholiken wenig Einfluss. Bätzing erklärte, dass Soziologen diesen Effekt vorausgesehen hätten, dennoch sei die Positionierung überaus wichtig gewesen: »Die Brandmauer muss bleiben; das Christentum ist mit völkischem Nationalismus nicht zu vereinbaren«.
Aus dem Publikum kam gegen Ende die Frage, ob die Kirche ohne gleichberechtigte Mitarbeit der Frauen eine Zukunft habe? Und hier war man sich einig: »Nein.«
Die Beteiligung von Frauen an nicht-liturgischen Leitungsaufgaben werde die Debatte nach Öffnung der Weiheämter für die Frau nicht beenden, sondern, so Bätzing, weiter anschärfen. Denn natürlich wachse mit der Erfahrung und dem Alltag auch die naheliegende, logische Frage: »Warum dann nicht auch dieser Schritt?«

Katholikentag Würzburg