Lieber Ai Weiwei,
Zuerst möchte ich mich Ihnen vorstellen: mein Name ist Zi You. Ich komme aus China und habe Medienwissenschaft als Bachelor absolviert. Vor einem Jahr habe ich die Chance bekommen, hier an einer Universität in Deutschland das Thema Medien im Master vertiefen zu können.
Ich freue mich sehr darüber, dass Sie nach vier Jahren der Überwachung und des Freiheitsentzugs endlich Ihren Reisepass von der chinesischen Regierung zurückbekommen haben, ausreisen konnten und nun als Gastprofessor an der Universität der Künste in Berlin Vorlesungen halten. Als Chinesin bin ich von ganzem Herzen stolz auf Sie. Aber gleichzeitig habe ich durch Ihre Antrittsveranstaltung auch erfahren, dass Sie in der Vorlesung nur Kunst unterrichten. Sie wollen kein Wort mehr über Politik, Meinungsfreiheit und Menschenrechte in China verlieren.
Ehrlich gesagt bin ich ziemlich schockiert darüber. Schließlich hätten Sie die Chance, etwas zu sagen, was in China nie erlaubt wäre. Ich habe versucht, einen persönlichen Kontakt zu Ihnen herzustellen. Aber ich wurde informiert, dass Sie gerade sehr beschäftigt sind und zahlreiche Journalisten mit Ihnen ein Gespräch führen wollen. Als normaler Studentin ist mir bewusst, dass die Chance eher gering ist, persönlich mit Ihnen sprechen zu können. Deshalb schreibe ich Ihnen diesen Brief.
Wie Sie komme ich aus China, aus einem Land, in dem man nicht völlig frei seine Meinung äußern darf. Wenn ich in China für mein Bachelorarbeit Informationen recherchieren wollte und dabei auf westliche Webseiten gekommen bin, ist es nicht selten passiert, dass dort stand: »Aus politischen Gründen darf diese Webseite nicht gezeigt werden.« Wenn ich in China neben dem Studium eine amerikanische Serie anschauen wollte, wurde ich enttäuscht. Denn wegen der Zensur darf die Serie »House of Cards«, worauf ich mich am meisten gefreut habe, nicht im TV gezeigt werden. Auch Twitter und Facebook wurden gesperrt. Es ist unmöglich, dass ich über die sozialen Medien mit meinen Freunden Kontakt aufnehme. Anstatt darüber blitzschnell zu erfahren, was Neues in ihrem Leben geschehen ist, muss ich auf die langsamere E-Mail warten.
Als Medienwissenschaftsstudentin wurde ich schon in der ersten Sitzung von meinem Dozenten darauf hingewiesen, dass wir unsere Worte abwägen müssen, wenn wir Kommentare schreiben. Ich hasse all die genannten Beschädigungen der Meinungsfreiheit. Aber als gehorsame Studentin habe ich doch nie den großen Mut gehabt, selbst für diese Meinungsfreiheit zu kämpfen. Denn von Kind an haben wir Chinesen in der Schule gelernt, dass man die Lehrer nicht unterbrechen darf, sondern einfach sitzen bleiben und gut zuhören soll. Auch wenn ich zu Hause etwas über Politik mit den Eltern diskutiert habe, wurde ich nach der Diskussion von meinem Vater gewarnt: Was ich heute zu Hause gesagt hätte, dürfte ich nicht draußen in der Klasse oder in der Öffentlichkeit erzählen, sonst gäbe es Probleme. Ich bin unter diesen Umständen aufgewachsen, deswegen gehören Gehorsamkeit und Folgsamkeit zu meinem Alltag.
Sie aber waren ein mutiger Mann. Und in den vergangenen Jahren rebellierten Sie auch unmittelbar durch Ihrer Kunst-Aktionen und Worte, um mehr Raum für die freie Meinung zu schaffen. Das hat mich beeindruckt.
Heute dürfen Sie in Deutschland unterrichten. Sie haben eine große Bühne und können massenhaft Zuhörer erreichen. Es ist ein perfekter Zeitpunkt, um die politische Lage in China in der Welt bekannt zu machen.
Mir ist natürlich bewusst, dass der Preis für weitere Kämpfe um Meinungsfreiheit und Menschenrechte in China ziemlich hoch ist. Denn es ist nicht selten passiert, dass Dissidenten verfolgt wurden, provokative Journalisten für ein paar Tage verschwanden, oder dass Meinungsführer, die nicht die Meinung der kommunistischen Partei teilten, ins Gefängnis gebracht wurden. Sie haben leider auch einen hohen Preis für Ihre mutige Tat gezahlt: 81 Tage im Gefängnis und vier Jahre ohne Reisepass, unter Überwachung. Sie haben sogar in einem Interview erwähnt, dass wieder passieren könnte, was Ihnen passiert ist, und Sie deshalb sehr vorsichtig sein müssten.
Ich kann Ihre Ängste verstehen. Aber ich möchte auf keinen Fall sehen, dass Sie sich den Behörden unterwerfen. Dann wäre ein mutiger Held, der tapfer gegen die chinesische Regierung rebellierte, für immer verschwunden. Bitte kämpfen Sie weiter auf der jetzigen großen Bühne! Der Mut zu kämpfen und zu rebellieren ist unbezahlbar, unersetzbar. Wenn es mehr tapfere Meinungsführer wie Sie gibt, hat China noch eine Chance: Dann darf man endlich sagen, was man will, ohne Zensur, ohne Überwachung und in aller Freiheit!
Ich träume schon davon, dass ich in meinem Land eines Tages auch ganz selbstverständlich meine Meinung äußern kann und nicht anonym bleiben muss, wenn ich einen solchen Text schreibe. Deshalb, lieber Ai Weiwei, verlieren Sie bitte nicht den Mut. Kämpfen Sie weiter! Für die Freiheit. Für alle Chinesen. Für unser Vaterland!
Mit freundlichen Grüßen,
Zi You
