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Olé du fröhliche ...

Viele Fans des Fußballclubs Union Berlin sind religiös unmusikalisch. Weihnachten feiern sie trotzdem: im Stadion
von Gunnar Leue vom 18.12.2012
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Keine stille Nacht: Union-Fans beim Weihnachtssingen (Foto: pa/Pedersen)
Keine stille Nacht: Union-Fans beim Weihnachtssingen (Foto: pa/Pedersen)

Über den Zusammenhang von Fußball und Glauben ist viel philosophiert worden. Aber was sich traditionell einen Tag vor Heiligabend im Stadion des 1. FC »Eisern« Union Berlin ereignet, ist so speziell, dass einmal gar vier Fan-Volkskundler angereist kamen, um die Sache vor Ort unter die Lupe zu nehmen. »Ich glaub, das waren Studenten einer Kirchengemeinde aus Hannover, die zum Thema Fußball und Religion forschten«, sagt Fan Torsten Eisenbeiser, der seit 1969 ins Stadion geht.

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Die kleine Geschichte begann im Advent 2003. Damals hielt sich die Seligkeit bei den Fans des Köpenicker Vereins, der sein aus der DDR rührendes Image als unangepasster Klub auch im heutigen Kommerzzeitalter pflegt, ob der Tabellensituation in Grenzen. So entstand bei Torsten Eisenbeiser die Idee: Warum nicht statt Fan-Chorälen ein paar traditionelle Weisen zum Fest der Nächstenliebe, um sich das Herz zu erwärmen in Zeiten der sportlichen Not? Der aktuelle Zweitligist aus dem Berliner Osten kassierte seinerzeit viele Niederlagen, weshalb die Fans frustriert nach Hause geschlichen seien, so Eisenbeiser. »Wir sind keine gläubigen Menschen, aber ich fand, dass wir das Weihnachtsfest auf diese Weise in unserer Union-Familie besinnlich einläuten könnten, um uns dann zu unseren Familien nach Hause zu begeben.«

Aus dem Internet hatte er damals ein paar Weihnachtslieder gezogen und auf Zettel kopiert. Damit schlichen sich 89 Fans heimlich ins damals noch marode Stadion »An der Alten Försterei«, um auf den Traversen »Oh du fröhliche« anzustimmen.

Den »Fußballgott« konnte das nicht beeindrucken, Union stieg damals aus der Zweiten Liga ab. Das Weihnachtssingen wurde jedoch zum festen Ritual. Jedes Jahr kamen mehr Fans, viele mit ihren Kindern. Im vergangenen Jahr standen 17 000 in der Kälte mit Kerzen und Liederheft, sangen Weihnachtslieder, lauschten einem kirchlichen Bläserchor – und hörten die Weihnachtsgeschichte aus dem Munde von Peter Müller, seit 2000 Pfarrer im Ruhestand.

Der 75-Jährige wird sie am 23. Dezember bereits zum neunten Mal im Stadion verlesen. 2004 wurde der ehemalige Pfarrer der Evangelischen Stadtkirchengemeinde Köpenick quasi an die singenden Union-Fans vermittelt, nachdem diese im Kirchenbüro nach einem »Profi«-Vorleser gefragt hatten. Peter Müller hatte das Stadion bis dato nur einmal betreten: 1987 beim Evangelischen Kirchentag.

»Fußball interessierte mich nie«, sagt der Mann, der sich inzwischen zwei Spiele pro Saison anschaut und sogar Vereinsmitglied ist. »Aber hier spielt nicht nur das Geld eine Rolle, es wird auch ein verantwortungsvoller Umgang mit den Jugendlichen aus dem Kiez und mit den Fans gepflegt.«

Dass diese vorwiegend Atheisten sind und keineswegs alle seinen Stadionauftritt begrüßen, sieht Peter Müller als nicht problematisch an. Ja, im Internetforum der Fans konnte man früher lesen, »in unserem Tempel brauchen wir keinen Pfarrer«. Doch solche Stimmen höre man heute kaum noch. »Natürlich gibt es keine andächtige Stille, wenn ich spreche, das zu erwarten wäre ja weltfremd; aber manche sagen sogar ›unser Pfarrer‹«, freut sich Peter Müller.

Wegen des vorwiegend »ungläubigen« Publikums überlegt er sich stets akribisch, wie er seine Ansprache in die Weihnachtsgeschichte münden lässt, der lediglich ein »Vaterunser« und ein Segenswort – für Verein und Welt – folgen. »Schließlich will ich nicht missionieren, dazu wurde ich nicht eingeladen.«

Ein typischer Weihnachtssänger ist der fünfzigjährige Rainer Kersten: eiserner Glaube an Union, darüber hinaus Atheist. »In die Kirche würde ich nicht gehen, um mir die Weihnachtsgeschichte anzuhören«, sagt er. »Die Verbindung von Stadion und Weihnachtssingen ist das Außergewöhnliche.« Und Kumpel Henrik Vierarm ergänzt: »Weil ich mich in meiner Familie – und Union betrachte ich auch als meine Familie – gerne auf Weihnachten einstimme, deshalb gehe ich zu dem Singen.« Der religiöse Kontext spiele für ihn keine Rolle, es reiche das Erlebnis. »Wenn harte Kerle, die sonst nur Fußballkracher singen, hier auch mal Weihnachtslieder anstimmen, ist das die pure Emotion für mich. Dazu brauche ich nicht an Gott glauben.«

Die Frage, ob und wie das Christentum heute überhaupt in die Welt passe, durfte Pfarrer Müller aber auch schon mit einem Fan diskutieren. »Wir hatten dann ein längeres Gespräch.« Der Pfarrer ist überzeugt, dass manche Fußballfans wirklich über die Weihnachtsgeschichte nachdenken. Und er freut sich immer noch über das, was ein Fan nach dem Weihnachtssingen einmal im Internetforum geschrieben hatte: »Wenn ich je dem lieben Gott nahekommen konnte, dann durch ihre Worte.«

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Schlagwörter: Fußball Glauben Weihnachten
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