Wir radeln dann mal nach Teheran
Am Abend traten wir in Frankfurt vor die Haustür, schwangen uns auf die Räder und fuhren los. An der Kreuzung verloren wir unsere winkenden Nachbarn aus den Augen. Jetzt blieb nur noch die Ferne. Wir fuhren auf der Straße, die nach Tübingen führt, nach Wien, nach Sarajevo und Teheran. An diesem Abend führte sie uns nach Frankfurt-Rödelheim. Während wir unser Zelt unter einer Buche aufschlugen, richteten sich zehn Kilometer Luftlinie entfernt zwei Spanier in unserer Wohnung ein. Während sie unser Bett bezogen und die Schränke einräumten, rollten wir die Schlafsäcke aus. Während sie vielleicht eine Lasagne in unseren Ofen schoben, kochten wir auf dem Spirituskocher Spaghetti. Unsere Wohnung war jetzt ihr Zuhause. Und unseres war nun die Landstraße.
Wenn wir in den ersten Tagen unserer Fahrradreise nach dem Woher und Wohin gefragt wurden, war es ein komisches Gefühl, »Teheran« zu sagen. Stattdessen sagten wir »Tübingen« oder was wir uns sonst als Tagesziel gesetzt hatten. Auch wenn wir nun nach Wochen des Planens und Packens endlich losgefahren waren, war alles immer noch bloß ein Vorhaben. Noch hatten wir keine Lorbeeren verdient. Nur, wenn irgendwo auf einem Hügel bierbäuchige Sonntagsradler auf unser Gepäck starrten und feixten: »Wie lange wollt ihr denn unterwegs sein? Vier Wochen?« Dann riefen wir zurück: »Vier Monate«, und freuten uns über die nachhallende Stille.
Dabei ist »vier Monate« nur eine Schätzung und »Teheran« nur das grobe Ziel. Wir, Katharina und Christoph, wollen den Iran kennenlernen. Viel mehr Planung gibt es nicht. Wir wissen nur: Wir wollen reisen, nicht besuchen. Nicht in den Flieger steigen, zwischen Sofia und Istanbul ein Alubox-Menü mit Tomatensaft zu uns nehmen und uns die fünf Stunden Flugzeit mit einem Film verkürzen. Katharina will nicht über den Wolken ein Kopftuch anlegen müssen und dann in einer völlig anderen Welt das Flugzeug verlassen. Wir wollen diese fremde Welt sehen, aber wir wollen auch sehen, wie sie Stück für Stück aus unserer entsteht.
Der Duft der Rapsfelder
Das Rad scheint uns dafür das beste Mittel. Nicht sehr gut geeignet, um Städte, Strände, Sehenswürdigkeit abzuhaken, aber ideal für die Landstraßen dazwischen. Klar, im Auto sieht man auch, wie sich die Landschaft wandelt. Aber mit Klimaanlage und getönten Scheiben – was bleibt da vom Duft der Rapsfelder in Bayern, was von der Hitze am Plattensee? Was merkt man von Bosniens Bergen? Wir fahren Rad, um den Wegesrand nicht zu verpassen. Und weil wir über Berge fluchen und über Täler jubeln wollen.
Gut, das mit dem Fluchen hätte auch später anfangen dürfen. Es ist der vierte Tag, und Christoph schiebt sein Rad den Berg hoch. Erst in weiten Serpentinen zwischen Blumenwiesen, schutzlos in der Sonne, dann steil zwischen den Häusern eines Dorfes. Hinter sich hört er Katharina zu einem Anwohner sagen: »Der Radweg hier im Odenwald ist ja eher ein Klettersteig.« Der Mann antwortet: »Das ist leider wahr«, und trottet in die kühle Garage.
Haben wir zu viel Gepäck? 25 Kilo, verteilt auf zwei Taschen vorne, zwei hinten und einen Packsack über dem Gepäckträger. Regenjacke, Müsli, Medikamente, Kocher, Landkarten von Frankfurt bis Teheran. Und dazu 17 Kilo schwere Stahlräder. Der Geldbeutel hingegen ist federleicht. Aber weil wir Reporter sind und Laptop und Kamera eingepackt haben, macht uns das kaum Sorgen.
Nach dem Odenwald wird der Weg einfacher, wir nähern uns unserem Tagesziel von hundert Kilometern. Aus Wäldern werden Auen, statt Frankfurter Grüner Soße gibt es jetzt salzige Gebäckstangen namens »Seelen« zu kaufen.
In Bad Urach mühen wir uns die Schwäbische Alb hoch, dann sind wir die Berge erst mal los. Zwischen Ulm und Augsburg finden wir an einem sonnigen Abend eine Hütte am Waldrand. Die Tür ist offen, drinnen warten ein Bollerofen und Holzscheite – ein Geschenk an die, die aufgebrochen sind. Jetzt fühlen wir uns wirklich unterwegs. Am nächsten Morgen aber tut Katharina das Schlucken weh, ihre Glieder schmerzen. Mit Tee und Bonbons wird es besser. Doch unterwegs muss sie beim leichtesten Anstieg absteigen, sie fährt zu langsam, um die Kontrolle über das Rad zu behalten. Acht Kilometer bis zur nächsten Pension – weiter kommen wir nicht.
Erst am übernächsten Tag fühlt Katharina sich kräftig genug, um das Fahrrad in Bus und Bahn zu wuchten, während Christoph die hundert Kilometer nach München radelt. Dort dürfen wir bei einem Freund wohnen, der verreist ist. Zwei, drei Tage ausruhen, bevor es nach Wien geht.
Fünf Tage später sind wir immer noch dort. Katharina war beim Arzt und nimmt ein Antibiotikum, denn zur Grippe ist ein bakterieller Infekt gekommen. Eine sogenannte Superinfektion. Na, super. Frühestens in fünf Tagen darf sie weiterfahren. Wir hatten ja Entschleunigung gesucht, aber so viel?
Als der Freund zurückkommt, sind die Beschwerden immer noch da. Am liebsten wäre man jetzt im eigenen Bett, aber das ist besetzt. Wir ziehen zu Christophs Onkel, der vierzig Kilometer nördlich wohnt. Dort angekommen vereitern Katharinas Mandeln wieder. Noch ein Antibiotikum, noch einmal viele Tage Pause.
Sturzbäche und Blitze
Knapp vier Wochen nach dem ersten Halskratzen treten wir wieder in die Pedale. Der Raps, an dessen Duft wir uns so erfreut hatten, ist verblüht. Nun freuen wir uns über Kornblumen und Mohn. Statt »Hallo« ruft man uns in dieser Gegend »Griaß eich« zu. Was antwortet man darauf eigentlich? Als uns ein einzelner Radfahrer entgegenkommt, bleibt keine Zeit zu überlegen. »Griaß eich«, sagt Katharina.
Wir radeln durch Niederbayern, wo kurz vorher der Starkregen niedergegangen ist. Mancherorts hat es nur eine halbe Stunde gedauert, und das Wasser stand bis zum zweiten Stock. Wenn wir die verschlammten Häuser sehen und überlegen, wie oft wir unser Zelt direkt am Ufer aufgeschlagen haben, wird uns ganz anders. Ohne Katharinas Krankheit wären wir genau zur Regenzeit hier durchgekommen – oder eben gar nicht mehr.
Wir fahren zu Bekannten nach Passau. Als wir die Taschen ins Wohnzimmer tragen, geht ein Sturzregen nieder, am Himmel zucken Blitze. Der Donauradweg ist am nächsten Tag wie leergewaschen. Zwischen Passau und Linz, einem der beliebtesten Abschnitte des beliebtesten Fernradwegs Europas, treffen wir bloß eine Handvoll Radfahrer. Wir genießen die Einsamkeit. Christoph zündet sich auf dem Rad eine Pfeife an, Katharina hört ihre Lieblingsmusik, Käptn Peng.
Das schöne Wetter bringt einen Tag später die Radler zurück. Hunderte. Was sie eint: Sie grüßen nicht zurück. Nur die mit den vielen Taschen erkennen einander und lächeln sich an. Die Landschaft aber ist wunderschön. Die Donau zieht immer wieder unseren Blick auf sich, um ihn dann in die Ferne zu schicken. Vor rotgetünchten Abendwolken ziehen Graureiher in den Himmel, ein Biber gleitet ins Wasser, in der Dämmerung tanzen Glühwürmchen.
In Wien besuchen wir den Naschmarkt, jenen Delikatessenmarkt, der schon so typisch nach den Gewürzen des Nahen Ostens riecht. Für die Wiener ist das Alltag, für Touristen exotisches Flair, für uns eine Verheißung: Sarajevo wartet. Und Istanbul. Und Teheran.
Schnell weiter. In Bratislava werden wir zum ersten Mal bei jemandem übernachten, den wir von der Internet-Plattform »Warmshowers« kennen – einer Community für Radreisende, die sich gegenseitig Schlafplatz und eine warme Dusche anbieten.
Das klingt verlockend, bringt uns aber zunächst gehörig ins Schwitzen. Denn wir kommen erst um 16.30 Uhr in Wien los und sind schon um 21 Uhr mit Roberto in Bratislava verabredet. Wir rasen die Donau entlang, so gut das bei Gegenwind und Sommerhitze geht, vorbei an den Badestränden, und halten nur einmal, um einen Biskuit auf dem Rad zu essen. Als wir um 21.15 Uhr in einem Pub in Bratislava ankommen, haben wir 75 Kilometer ohne Pause zurückgelegt. Gut zu wissen, dass das geht, aber schön war es nicht.
Erst im Pub wird uns bewusst, dass wir eben die erste Sprachgrenze übertreten haben. Überhaupt hatten wir die Slowakei in der Vorbereitung etwas übersehen. Wir fragen an der Theke, ob sie auch Euro nehmen würden. »Wir haben hier auch Euro«, ist die Antwort. Peinlich.
Wir trinken etliche gute und günstige Biere zusammen mit Roberto und seiner Freundin. Beide sind von Italien nach Bratislava gekommen, um für Amazon zu arbeiten. Als wir am nächsten Tag aufbrechen wollen, lädt Roberto uns zu einem Grillfest ein. Dreißig junge Amazon-Italiener feiern einen Geburtstag in einer Bootskneipe am Fluss. Das lassen wir uns nicht entgehen, eigentlich hetzt uns ja niemand.
Wir fahren erst am Nachmittag weiter und verbringen noch eine Nacht am Ufer der slowakischen Donau, die hier so breit ist wie ein See. Als wir in der ungarischen Stadt Györ ankommen, sind wir so überrascht von dem pittoresken Stadtbild, dass wir uns zu einer Pause entschließen. In einem Straßencafé setzt sich ein Deutscher an den Nachbartisch. Auch ein Radfahrer und auch aus Frankfurt hergeradelt. Thomas ist ein Mann, der knapp unser Vater sein könnte, ähnlich übers Reisen denkt wie wir und den wir in Frankfurt wohl nie getroffen hätten. Er lädt uns zum Abendessen ein. Wenn wir zurück sind, werden wir mal mit ihm Rad fahren.
Nun wollen wir aber auch Ungarn kennenlernen. Also suchen wir bei Warmshowers nach Gastgebern – und finden Frida. Sie ist wie wir Anfang dreißig und lebt in einem Häuschen in den Weinbergen am Plattensee. Rosen und Hibiskus wuchern an der Wand, die Weinreben reichen für 600 Liter eigenen Wein und Pálinka – einen ungarischen Grappa. Auch Frida will mit dem Fahrrad auf den Balkan. Aber ihre Tour mit zwei Freundinnen geht schon morgen los, und wir möchten noch den Plattensee erkunden. Wenn wir wollen, sagt sie, können wir in ihrem Haus bleiben.
Während unsere Untermieter in der Frankfurter Wohnung beobachten können, wie Flugzeuge in den grauen Himmel abheben, sitzen wir vor Fridas verwunschenem Traumhäuschen und schreiben Artikel, spazieren durch die Weingärten und schwimmen im Balaton. Hier könnten wir ewig bleiben.
Aber dann fängt es an zu kribbeln. In den Waden. Es treibt uns hier nichts fort, aber es lockt. Zwei Tagesetappen hinter dem Plattensee liegt Kroatien. Und dahinter Bosnien, das erste muslimische Land auf unserer Route.
Morgen also werden wir vor die Haustür treten, uns auf die Räder schwingen und losfahren.
Katharina Müller-Güldemeister, geboren 1983, hat Geografie studiert und davor in Berlin als Fahrradkurierin gearbeitet. Ihre erste 130-Kilometer-Etappe fuhr sie als Dreizehnjährige – allerdings im flachen Norddeutschland. Mit Bergen und islamischen Ländern hat sie noch wenig Erfahrung.
