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Brauchen wir Gotteslästerung?

Weltweit morden Killerbanden mit heiligen Büchern im Gepäck. Kein Kontinent bleibt verschont. Auch die Toten der Redaktion von »Charlie Hebdo« wurden Opfer einer Gewalt, die sich auf Gott beruft. Vermeintlich verteidigten die Täter dessen Ehre, die sie durch Satire beleidigt sahen. Ist Blasphemie nötig? Das fragen wir Sie in unserer aktuellen Umfrage. Lesen Sie hier ein Pro- und Contra
vom 31.01.2015
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Brauchen wir Gotteslästerung? Christian Modehn (links) sagt: »Ja!« Elisa Rheinheimer-Chabbi sagt: »Nein!« (Fotos: privat)
Brauchen wir Gotteslästerung? Christian Modehn (links) sagt: »Ja!« Elisa Rheinheimer-Chabbi sagt: »Nein!« (Fotos: privat)

Christian Modehn: »Ja! Religionskritiker sind die wahren Frommen«

»Wir brauchen Blasphemie. Nur so können sich Humanisten und aufgeklärte religiöse Menschen in Bild, Wort und Musik öffentlich abgrenzen von den Verirrungen, denen fromme, manchmal gewalttätige Anhänger religiöser Institutionen öffentlich folgen. Gotteslästerer sprechen im Interesse der aufgeklärten Gesellschaft, wenn sie menschenfeindliche Frömmigkeit ironisch überbieten. Das sage ich als christlicher Theologe. Denn Gott, das Geheimnis der Welt, darf niemals wie ein alltäglicher Gegenstand »behandelt« werden. Traditionell Fromme sollten für diesen Hinweis dankbar sein.

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Aufgeklärte Menschen werden zu Blasphemikern, weil sie die Verbindung von Gott und Gewalt gotteslästerlich finden. Sie finden die Vorstellung blasphemisch, dass Gott selbst in einem heiligen Buch zitierfähig sein soll. Die sogenannten »Gotteslästerer« sehen Gotteslästerung also bei den Frommen: wenn mit religiösen »Wundern« Geld verdient wird, wenn Bischöfe als Finanzjongleure Spenden veruntreuen oder Priester sexuellen Missbrauch kaschieren. Religionskritiker sind also die wahren Frommen, weil sie nicht hinnehmen, dass in der Machotheologie Frauen und Homosexuelle nicht gleichberechtigte Geschöpfe Gottes sein dürfen. Jene »Gotteslästerer« sind religiös, weil sie es unerträglich finden, dass Gott von fundamentalistisch Frommen in den Schmutz gezogen wird!

Wir wollen nie einzelne Gläubige beleidigen. Wir rufen nicht zur Volksverhetzung auf. In Europa wird deswegen Gotteslästerung kaum noch bestraft. Wichtig ist vielmehr die Erkenntnis: Ohne Meinungsfreiheit gibt es keine Religionsfreiheit. Und Gott kann niemals wie ein beleidigtes Rechtssubjekt klagen. Heilig sind uns Religionskritikern Menschenrechte, Gerechtigkeit und Freiheit für alle.«

Elisa Rheinheimer-Chabbi: »Nein! Blasphemie nützt niemandem, sie schürt nur Hass«

»Ist man etwa nur dann ein guter Europäer, ein stolzer Demokrat, ein aufgeklärter Mensch, wenn man blasphemisch wird? Ich sage: Nein! Denn Gotteslästerung nützt niemandem. Stattdessen schürt sie Hass und Gewalt. Sie verletzt die Gefühle vieler religiöser Menschen – nicht nur vieler Muslime! – und führt zu einem »Wir-gegen-euch-Denken«.

Gotteslästerung wird häufig in satirischen Darstellungsformen verpackt. Satire ist gut und wichtig und Teil des Journalismus. Aber Pressefreiheit endet dort, wo Hass gesät, wo tiefste Gefühle von Mitbürgern verletzt und wo Vorurteile verstärkt werden. Im Falle einiger Charlie-Hebdo-Karikaturen ist genau das geschehen. Das rechtfertigt selbstverständlich kein Attentat. Es sollte uns Journalistinnen und Journalisten aber daran erinnern, dass wir gehalten sind, nicht nur die Pressefreiheit hochzuhalten, sondern auch den Pressekodex. Dort heißt es: »Die Presse verzichtet darauf, religiöse, weltanschauliche oder sittliche Überzeugungen zu schmähen.« Deutlicher geht es nicht.

Für Christen und Atheisten mag die Aufregung um Mohammed-Karikaturen schwer zu verstehen sein. Doch auch der Respekt vor Andersgläubigen macht eine Demokratie aus – nicht einzig und allein die Pressefreiheit. Auch die Rücksichtnahme auf Minderheiten ist ein westlicher Wert. »Es darf Terroristen nicht gelingen, uns vorzuschreiben wie weit Meinungsfreiheit gehen kann«, heißt es oft empört. Das stimmt. Wir sollten aber darüber diskutieren, wie weit Pressefreiheit geht. Am Tisch müssen dabei Gläubige aller Religionen sitzen, Atheisten und Karikaturisten. Was wir brauchen, ist ein Diskurs und keine trotzige »Jetzt-erst-recht-Haltung«. Denn die ist für ein friedliches Zusammenleben wenig hilfreich.«

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Personalaudioinformationstext:   Christian Modehn, geboren 1948, freier Journalist, Philosoph und Theologe, lebt in Berlin. Dort leitet er einen Religionsphilosophischen Salon.
Elisa Rheinheimer-Chabbi, geboren 1987, Politik- und Kulturwisschenschaftlerin, ist Volontärin bei Publik-Forum.
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