Pro und Contra
Haben die Kirchen in der Corona-Krise versagt?
Pauschale Urteile liegen mir nicht. Viele in der Kirche haben viel Gutes gemacht. Was mir fehlte, das waren und sind lautere Stellungnahmen im Geiste der österlich-pfingstlichen Botschaft: Habt keine Angst! An Pfingsten wird aus einer verängstigten Schar eine Gruppe von Vorwärtsstürmern. Sie überwinden die Angst, so wie Jesus die Angst am Ölberg überwand, und zwar nicht deswegen, weil sie unberechtigt war, sondern obwohl sie berechtigt war.
Das Lob der »Solidarität durch Distanz« aus kirchlichem Mund wurde mir schwer anzuhören. Die Botschaft von der Menschwerdung Gottes weist in die Gegenrichtung. Solidarität der leiblichen Nähe: Aussätzige berühren, Obdachlose aufnehmen, Weinende in den Arm nehmen, Dementen die Hand halten, Kinder trösten, bei Gewalt intervenieren, Sterbende begleiten. Kann man als Kirche brutale Folgen der Solidarität durch Distanz ansehen und bloß kommentieren: »Muss leider sein«? In Predigten wurden Personen als Egoisten abgestempelt, die für Grundrechte auf die Straße gehen. Grundrechte sind aber auch Rechte der Schwächsten. Gerade bei ihnen kann ihr Aussetzen schlimme, ja tödliche Folgen haben. Die Freiheit, darauf hinzuweisen, gehört zur Würde gerade auch der Schwächsten.
Schließlich: Auf wen setzen wir unsere Hoffnung? Coronaviren wird es immer geben. Keine Forschung, keine Technik, keine Politik wird daran etwas ändern können. Wie viel Macht über unser Leben geben wir also auf Dauer dem Infektionsrisiko? Das Evangelium ist der Sieg über den Allmachtsanspruch der Angst. Das ist es, was die Kirche in Corona-Zeiten über die Unterstützung sinnvoller Infektionsschutz-Maßnahmen hinaus besonders zu sagen hat!
Bettina Schlauraff:
Nein, ich erlebte sie lebendiger denn je!
Am frühen Ostermorgen stand ich gemeinsam mit meinem katholischen Kollegen in vollem Ornat in seiner Kirche. Bei geöffneten Türen und Fenstern sangen wir Osterlieder und entzündeten das Osterlicht. Die Kirche war leer, bis auf eine ältere Schwester. Danach zog ich alleine weiter durch die Dörfer. Der Osterhymnus ertönte, vor den Kirchen standen Menschen. Den ganzen Tag lang haben sie sich das Osterlicht aus den Kirchen geholt. Zu Hause haben sie Gottesdienste gefeiert. An Küchentischen und auf Wohnstubensofas. Den Vorwurf, die Kirchen hätten sich nicht genug um Seelsorge bemüht, lese ich mit Fassungslosigkeit. Sie haben Nähe geschaffen, ohne das gesundheitlich sinnvolle Social Distancing zu unterlaufen. Über Wochen hinweg schicken mir Menschen aus der Gemeinde Gebetsanliegen, die ich öffentlich über »Whatsapp« teile. Plötzlich bin ich mit jungen Eltern und Mittvierzigern, die nie in der Gemeinde auftauchen, im Gespräch über die Kraft des Glaubens. Vor Seniorenheimen spielen regelmäßig Posaunen auf. Auch wenn keine Besuche möglich waren, es fand sich immer eine Schwester, die ein Gebet sprach über einer Sterbenden. Wäscheleinen mit Segenssprüchen und Gebeten hingen vor den Kirchen. Eine Frau erzählte mir, dass sie zum ersten Mal seit fünfzig Jahren alleine in ihrer Dorfkirche saß und tief berührt war. Es wanderten geistliche Worte und tägliche Andachten in Briefen, Videobotschaften und Wurfsendungen in die Häuser. Trost leuchtete in Regenbögen von den Fenstern und Segenssteine lagen überraschend vor der Haustür. Seelsorge fand am Telefon, in E-Mails oder aus dem Autofenster statt. Noch nie war ich so intensiv mit meiner Gemeinde und mit Christen deutschlandweit verbunden. Der Glaube wurde greifbar auch für die, die ihn vielleicht schon vergessen hatten. Nie habe ich Kirche lebendiger erlebt.
Klaus Mertes, geboren 1954, ist Jesuit und Leiter des Kollegs Sankt Blasien.
Bettina Schlauraff, geboren 1973, ist evangelische Pfarrerin und Klinikseelsorgerin im Kirchenkreis
Meiningen.

Die Corona-Krise
