Alles Gute, Wolfgang Kessler!
Zwanzig Jahre hat Wolfgang Kessler die Redaktion geleitet. »Du warst unser Kapitän«, sagte Redakteurin Britta Baas, und verglich Publik-Forum mit einem kleinen Schnellboot: »Wir haben nicht die Wucht eines Tankers, nicht die majestätische Ausstrahlung einer Hochseejacht. Aber wir können mit Ad-hoc-Beschleunigung, Wendigkeit und einer Mannschaft punkten, die jederzeit bereit ist, von null auf hundert zu gehen.« Die Vision von einer menschenwürdigen, gerechten Welt, die Publik-Forum seit seiner Gründung vor 47 Jahren nicht aus den Augen verloren hat und mit konstruktivem Journalismus kritisch und fragend begleitet, war auch immer Kesslers Vision. »Zusammen mit dir hatten wir ein Ziel vor Augen«, sagte Britta Baas. »Eines, das uns überzeugte.« Dass das auch in Zukunft so sein werde, betonte Kesslers Nachfolger als Chefredakteur, Alexander Schwabe, in seiner Ansprache.
Davon angesteckt sind auch die Publik-Forum-Leserinnen und Leser. Mehr als 400 von ihnen waren nach Frankfurt am Main zur Matinée gekommen. Agnes Frei, Vorsitzende der Leserinitiative Publik-Forum, sagte gleich am Anfang: Die Matinée sei auch ein »Fest für die Leser«. Und das wurde es tatsächlich. Die Besucher wurden gut unterhalten, musikalisch durch das Duo Camillo, aber auch durch anspruchsvolle Reden und Debatten.
»Ist Kessler ein antikapitalistischer Umstürzler?«
Wolfgang Storz, ehemaliger Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, hatte die Aufgabe übernommen, den Abschied von Wolfgang Kessler und das Thema »Zukunft des Kapitalismus« in seiner Rede miteinander zu verbinden. »Ist Kessler ein antikapitalistischer Umstürzler?«, fragte er provokant. Für den Chefredakteur von Publik-Forum habe gegolten, eine schwierige Balance zu halten, nämlich das Medienhaus zusammen mit Geschäftsführer Richard Bähr durch Zeiten zu steuern, die vom Niedergang vieler Medien geprägt ist, in denen »die Kommunikationswelt in immer kleinere Zielgruppen« zerfällt und in der »triebhaft um Aufmerksamkeit gekämpft wird« – und gleichzeitig unabhängigen Profiljournalismus zu realisieren. Publik-Forum behaupte sich, obwohl oder weil es sich dem Trend zu Dauerinszenierung der Wirklichkeit verschließe.
Dabei sei es Kessler gelungen, die komplizierten Wirtschaftsthemen, die kaum ein Laie wirklich versteht, verständlich ins Blatt zu bringen und Zusammenhänge herzustellen. Kessler habe früh vor den Risiken deregulierter Finanzmärkte gewarnt, »gegen den Mainstream« geschrieben und belegt, »wie einfach gute Lösungen sein können«. Ist er also ein Umstürzler? »Er klingt oft so harmlos«, sagte Storz, »aber er greift die Wirtschaft in ihren Grundfesten an. Er kann es nicht ertragen, wie sich unser Wohlstand im Ruin der Natur und im Hunger des Südens spiegelt.« Kesslers Haltung gründe auf der christlichen Soziallehre. Seine Art des kapitalistischen Umsturzes sei behutsam, überlegt, und am Ende würde sich »der härteste Kapitalist in seiner antikapitalistischen Umgebung wie zu Hause fühlen«, mutmaßte er.
Doch wie könnte eine Zukunft jenseits des Kapitalismus aussehen? Darauf gab Kessler selbst eine Antwort. Dabei sagte er unumwunden, dass der Kapitalismus »große Qualitäten« habe und Wohlstand schaffe. »Doch die tatsächlichen Kosten« dieses Kapitalismus stiegen ständig. Denn vom Wohlstand profitierten nicht alle. Ein Viertel der Deutschen sei davon »abgehängt«, die reichsten zehn Prozent besäßen hierzulande 65 Prozent des Vermögens. Befristete Verträge, Minijobs. Leiharbeit weiteten sich aus. Der Kapitalismus entwurzele Menschen, fördere Fremdbestimmung und sei für Populismus verantwortlich. Weltweit hätten unkontrollierte, global tätige Investoren wie Blackrock riesige Finanzmittel zur Verfügung und säßen auch in allen Dax-Konzernen. Zusammen mit Datenkonzernen wie Apple, Facebook, Google und Amazon »beherrschen sie die Welt«. In vielen Bereichen kauften sich die Investoren ein, doch »Mieter, Kranke, Pflegebedürftige sind für sie nur Renditeobjekte«, deren Interessen, Umweltschutz oder die Rechte der Arbeitnehmer seien für sie zweitrangig.
»Wie im Westen so auf Erden«
Und diese Entwicklung sei inzwischen global: »Wie im Westen so auf Erden«, meinte Kessler. Denn der westliche Lebensstil breitet sich weltweit aus. Inzwischen gerate der nur auf Wachstum ausgerichtete Kapitalismus aber an die »härteste Grenze, die es gibt«: die Natur. Das zeigten Klimawandel und Artensterben. »Wir erleben, wie dieser Kapitalismus schleichend die Welt zerstört«, sagte Kessler und zitierte Papst Franziskus: »Diese Wirtschaft tötet.« Doch Wolfgang Kessler wäre nicht er selbst, wenn er nicht zugleich Ideen hätte, wie dem zu begegnen ist. Sie werden ausführlich in der kommenden Ausgabe von Publik-Forum nachzulesen sein, die am 24. Mai erscheint. Noch weitaus detaillierter hat er sie in seinem neuen Buch »Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern«, dargelegt.
In der Matinée standen aber nicht nur Kesslers Ideen zur Diskussion. In einer Podiumsdebatte traf Wolfgang Kessler auf den Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge, die attac-Mitbegründerin Jutta Sundermann und den aus der Demokratischen Republik Kongo stammende Theologen Boniface Mabanza.
Eine Wirtschaftsweise, die den Profit vor die Natur und den Menschen stellt, »gehört abgeschafft«, forderte Mabanza. Doch wie kann das geschehen? Vielleicht, indem Menschen »Räume finden«, um sich zu vernetzen und persönliche Überzeugungen in Politik zu übersetzen? So schlägt es Mabanza vor. Aktivistin Jutta Sundermann, die die Fridays-for-Future-Bewegung berät, erzählte vom Enthusiasmus der für mehr Klimaschutz demonstrierenden Schüler, die in 500 deutschen Städten aktiv seien. »Es gibt Momente, in denen wir die Chance haben, etwas zu verändern«, sagte sie. Jetzt könnte ein solcher Moment gekommen sein. Auch sie meinte: »Wir müssen raus aus der Logik des Kapitalismus, die sitzt tief in uns drin.« Sie nannte als Beispiel für eine alternative Wirtschaftsweise die Solidarische Landwirtschaft, in der sich Bürger zusammentun und Landwirten die Abnahme der Ernte garantieren. Aber auch sie berichtete, die Konzentration in der herkömmlichen Landwirtschaft wachse rasant: 5000 Höfe würden jedes Jahr aufgegeben.
Christoph Butterwegge, Armutsforscher und ehemaliger Kandidat der Linken bei der Wahl zum Bundespräsidenten, wandte ein, dass persönliches Engagement gut sei, es aber darauf ankomme, strukturell den Kapitalismus auf staatlicher Ebene zu verändern. »Mit kleinen Veränderungen kann man den Kapitalismus nie besiegen.« Es komme darauf an, auf politischer Ebene nach Bündnispartnern zu suchen. Aber er empfiehlt auch Gespräche mit Nachbarn, sich zu informieren, Mitarbeit in Genossenschaften: »Es gibt unzählige Möglichkeiten«, sich zu engagieren. Letztlich müsse sich alles aber auf einer politischen Ebene bündeln. »Ich glaube nicht, dass der Einzelne, indem er Ökoprodukte kauft und Ökostrom bestellt, den Kapitalismus überwinden kann.« Auch ein ökologischerer, humanerer und sozialerer Kapitalismus wäre schon ein Fortschritt.
Ahoi, Kapitän!
Brauchen wir angesichts der Ängste vor sozialem Abstieg eine Sicherung wie das Grundeinkommen? Und in welcher Form? Brauchen wir Steuern auf Kohlendioxid und Luxusgüter? Die Suche nach Wegen aus dem Kapitalismus und nach Möglichkeiten, ihn zumindest in Teilen zu verändern, war in der Debatte vielfältig. Und allen war klar: Einfach ist das nicht. »Wir haben einen langen Weg«, sagte Boniface Mabanza. Und schließlich: eine Garantie, dass Engagement etwas grundlegend verändert, gibt es nicht. Trotzdem sei es sinnvoll: »Ich möchte in den Spiegel schauen können und einen aufrechten Menschen sehen, auch wenn der Erfolg nicht gleich eintritt«, sagte Wolfgang Kessler. Aber, zitierte die Moderatorin der Debatte, Redakteurin Elisa Rheinheimer-Chabbi, ihren bisherigen Chef: Man müsse als »engagierter und aktiver Mensch nicht immer zu hundert Prozent konsequent sein. Man sollte auch mal ein Eis essen gehen und das Leben genießen.«
Der Genuss gehörte mit gutem Essen und vielen Gesprächen zur Matinée. Ebenso wie ein Abschiedslied für Wolfgang Kessler, das Sänger Fabian Vogt vom Duo Camillo nach Zurufen aus dem Publikum spontan dichtete und im Reggae-Rhythmus vortrug: »Ahoi, Kapitän Kessler! Alles Gute für die Zukunft!«
