»Bei Tisch wurde stets politisiert«
Herr Erdogan, was würden Sie an Ihrem ersten Tag im Bundestag auf keinen Fall tun?
Abuzar Erdogan: Mich zurücklehnen und einen Urlaub planen.
Sie sind mit 19 Jahren der jüngste Bundestagskandidat, der für die SPD antritt. Was hat Sie in die Politik getrieben?
Erdogan: : Ich bin mit 15 Jahren in die SPD eingetreten. Irgendwie lag das nahe. Denn es war bei uns daheim so, dass das Thema Politik eine große Rolle gespielt hat. Meine Eltern sind kurdische Aleviten aus der Türkei und selber sehr politische Menschen. Die Geschichte der Aleviten und Kurden in der Türkei ist ja stark von Unterdrückung geprägt. Das hat dann auch meine Erziehung sehr geprägt: Meine Eltern haben mir früh mitgegeben, wie wichtig es ist, gegen Unterdrückung und für Gerechtigkeit einzutreten.
Am Esstisch daheim wurde immer politisiert. Sich nicht kleinkriegen zu lassen, für bestimmte Werte einzutreten, das wurde schnell mein Lebensmotto. So bin ich dann zur Jugendverbandsarbeit gekommen, erst bei der Alevitischen Jugend, dann auch im Stadtjugendring, denn das ist ja auch politische Arbeit, aber eben überparteilich. Ich wollte bald in eine Partei eintreten. Also nicht nur kritisieren, sondern selbst mitgestalten. Ich habe mir die Bündnisgrünen und die CSU angeschaut. Die Entscheidung für die SPD fiel bald. Weil das eine Partei ist, die seit 150 Jahren eigentlich immer die Ziele Gerechtigkeit und Solidarität bewahrt hat. Natürlich hat die Partei auch Fehler gemacht, keine Frage. Aber ich bin überzeugt, ihr Agieren ist kein Pragmatismus, sondern da stecken, mehr als bei anderen Parteien, Werte dahinter.
Wenn Sie nicht gewählt werden, wie lautet Ihr Plan B?
Erdogan: Ich bin nicht in die SPD eingetreten – das ist mir immer ganz wichtig – weil ich gesagt habe, ich möchte irgendwann mal Bundestagsabgeordneter werden oder an ein Mandat kommen, sondern wegen ihrer Werte und Überzeugungen. Insofern ist für mich ganz klar, wenn das nicht klappt – ich bin ja noch relativ jung – gibt es andere Wege, politisch aktiv zu bleiben. Es muss nicht der parlamentarische Weg sein. Klar ist, ich bleibe dem verbunden und setze mein Jurastudium in München fort, das ich seit zwei Semestern belegt habe. Aber jetzt kämpfe ich erst einmal!
Ohne wen oder was an Ihrer Seite könnten Sie den Wahlkampf nicht überstehen?
Erdogan: Ganz klar: ohne meine Familie, das heißt meine Eltern und meine acht Jahre ältere Schwester. Und auch nicht ohne meine Freunde. Da ist zum einen mein Wahlkampfteam, das wirklich überwiegend aus Freunden von mir besteht, die auch in der SPD und ebenfalls jung sind. Ohne ein Team, das charakterlich zu einem passt und zu dem man Vertrauen hat, kann man so etwas nicht machen. Zum anderen habe ich natürlich auch noch einen großen Freundeskreis, der hauptsächlich aus ehemaligen Schulfreunden und Kommilitonen besteht und eher unpolitisch ist.
Na, ja, und die Familie ist für mich ein Teil meines Lebens, die viele Probleme auffangen kann. Sie gibt mir immer wieder diese Kraft, die man sonst nicht bekommen kann. Familie sucht man sich nicht aus, die hat man. Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll, da ist so ein Ort der Vertraulichkeit und Geborgenheit. Und Unterstützung, egal wie ich grad drauf bin.
Und schließlich habe ich in der Alevitischen Jugend Unterstützer, die genauso geprägt sind wie ich. Da ist es schon gut, dass ich da als Freund und nicht vordergründig als Bundestagskandidat gelte und so ganz normal sein kann.
Haben Sie bestimmte Tagesrituale, auf die Sie niemals verzichten könnten?
Erdogan: Nee, eigentlich nicht. Aber wenn Sie so wollen, muss ich mich ein oder zweimal in der Woche sportlich betätigen. Mal fußballspielen oder schwimmen oder eine Runde laufen. Weil das einfach befreit.
Haben Sie ein politisches Vorbild?
Erdogan: Eigentlich mehrere und dann doch wieder keines. Also, es gibt keine Person, von der ich sage, der muss ich so sehr nacheifern. Aber es gibt schon Personen, die mich geprägt haben. Das ist Willy Brandt, der Mann, der trotz einer stark etablierten politischen Landschaft den Mut hatte, einen neuen Weg zu mehr Entspannung und Gerechtigkeit einzuschlagen. Auf der anderen Seite gehören dazu auch Menschen wie Otto Wels (SPD Reichstagsabgeordneter und langjähriger SPD-Vorsitzender, die Red.), die 1933 gesagt haben, wir nehmen den Verlust von Leben und Freiheit in Kauf für unsere Werte, die wir nicht aufgeben wollen, der Diktatur zum Trotz. Als Reichstagsabgeordneter hat er bekanntlich die letzte freie und mutige Rede gegen das Ermächtigungsgesetz der Nazis gehalten. So etwas wie Vorbilder sind für mich also Menschen, die standhaft sind, ihre Ziele nie aufgegeben haben, gleich unter welchen Bedingungen. Dazu gehört für mich auch der südafrikanische Anti-Apartheidskämpfer Nelson Mandela. Das ist, wie Otto Wels, jemand, der für seine Sache eingetreten ist und dafür Rückschläge eingesteckt hat. Und wie auch Willy Brandt nie sein Ziel aus den Augen verloren hat.
Woran glauben Sie?
Erdogan: Oh, das ist eine gute Frage. Also, ich glaube nicht an einen allgegenwärtigen Gott, der irgendwo im Himmel ist und die Fäden zieht. Für mich ist Glauben die Hoffnung, dass etwas besser wird. Aber auch all das, was einem im Leben Glück und Gutes beschert. Und wenn das nur die Natur ist. Das Göttliche steckt für mich in jedem Lebewesen. Ich glaube übrigens nicht, dass jeder Mensch einzueins das Gleiche glaubt.
Ich war noch bis vor kurzem im Landesvorstand der Alevitischen Jugend in Bayern. Die alevitische Lehre hat mich schon sehr stark geprägt. Mich hat fasziniert, dass diese Menschen dort in Anatolien schon in den 20er und 30er Jahren sehr viel Wert auf die Gleichstellung von Mann und Frau gelegt haben und darauf, dass Mädchen Bildung vermittelt bekommen. Auch Sprüche wie »Erkenne das Licht in dir selbst und suche es nicht außen« haben mich überzeugt.
Meinen Migrationshintergrund empfinde ich als große Bereicherung. Man kennt zwei Kulturen und Religionen, die, die dem Land fremd ist und dann die der Mehrheitsgesellschaft.
Sind Sie noch Politiker, wenn Sie 40 sind?
Erdogan: Das kann ich nicht sagen. Ich bin auf alle Fälle dann noch ein politischer Mensch. Was ist aber denn ein Politiker? Wenn man gestaltet, sich für Interessen einsetzt, ist man einer. In diesem Sinn bleibe ich Politiker. Ob ich im Bundestag bin, wenn ich 40 bin, das kann ich heute beim besten Willen nicht sagen.
