Beten für Trump
Donald Trump weiß, was er Amerikas Evangelikalen schuldig ist: eine enge Umarmung. Einen festen Schulterschluss. Eine erbauliche Show. Bei seinen Vorgängern war es Usus, ein oder zwei angesehene Vertreter der protestantischen Mainstream-Kirchen zum Gebet zu bitten. Doch das war gestern. Trump hat die Tradition gebrochen und die Bühne mit sechs mehr oder minder geistlichen Größen bevölkert: einem katholischen Erzbischof, einem Rabbi, diversen Evangelikalen und Wohlstandspredigern.
Trump sei glücklich, dass nicht er, sondern andere über Gott sprechen würden, kommentiert der Autor John D. Wilsey: »Es befriedigt ihn, religiöse Prominenz vorzeigen zu können. Er weiß, wie wichtig es ist, Verbundenheit mit religiösen Persönlichkeiten zu demonstrieren. Und ich denke,er kennt sein eigenes, gedankliches Defizit,wenn es um Gott geht.«
Timothy Dolan, Erzbischof von New York
Mit New Yorks konservativem Erzbischof Timothy Dolan nimmt zum ersten Mal seit 4o Jahren wieder ein Katholik an einer Vereidigung teil. Dolan ist ein guter Bekannter von Donald Trump. Er äußerte sich 2015 zwar kritisch zu dessen nativistischen »America First«-Tiraden,doch hochwillkommen waren ihm Trumps Positionen zur Abtreibung und Religionsfreiheit. Bei New Yorks progressiven Katholiken ist Dolan nicht gut gelitten 2013 verkündete er u.a., Schwule und Lesben hätten nur das Recht auf Freundschaft, nicht das Recht auf sexuelle Liebe. Und im vergangenen Jahr versicherte Dolan Gruppen der religiösen Rechten seiner »enthusiastischen Unterstützung«, als sie sich bei den Vereinten Nationen mit Organisationen zutiefst repressiver Regimes verbanden, als es darum ging, Lesben, Schwulen, trans- und bisexuellen Menschen und ihren Familien grundsätzliche Menschenrechte zu verweigern.
Rabbi Marvin Hier, Simon Wiesenthal Center, Los Angeles
Zum ersten Mal seit 1985 wird wieder ein Rabbi ein Gebet bei einer Präsidenten-Vereidigung sprechen. Es sei ein kurzes, zeitgemäßes Gebet, versichert Rabbi Marvin Hier, Präsident und Gründer des Simon Wiesenthal Centers, das auf globaler Ebene Antisemitismus bekämpft. Der Rabbi ist ein guter Freund der Eltern des Trump-Schwiegersohns Jared Kushner. Während des Wahlkampfes hatte der Rabbi – dessen Eltern vor dem Holocaust aus Polen nach Amerika geflüchtet waren – Trump wegen seiner bigotten Positionen mehrfach kritisiert. Einig mit dem neuen Präsidenten ist Marvin Hier jedoch in puncto Israel. Wie Trump hat er es als »ungeheuerlich« bezeichnet, dass Präsident Obama die jüngste, israelische Siedlungspolitik verurteilende UN-Resolution nicht mit einem Veto belegte. Kritik von Human Rights-Aktivisten und aus der jüdischen Gemeinde an seiner Teilnahme an den Feierlichkeiten hat Rabbi Hier zurückgewiesen. Die Einladung sei eine besondere Ehre. Sie zeige die Größe Amerikas.
Bishop Wayne T. Jackson, Great Faith Ministries, Detroit
Bishop Jackson tat Donald Trump einen Riesengefallen, als er ihn im vergangenen Sommer zu einem Gottesdienst in seiner Mega Church in Detroit einlud. Für Trump war das ein seltener, sehr werbewirksamer Auftritt vor einer schwarzen Gemeinde. Jackson ist langjähriger Demokrat, und seine Einladung war bei vielen schwarzen Republikanern umstritten, doch Donald Trump wollte sich für die ihm erwiesene Freundlichkeit revanchieren.
Pfingstkirchen-Pastor Samuel Rodriguez
Monatelang verurteilte der Pfingstkirchen-Pastor Samuel Rodriguez Trumps bigotte Einwanderer-Rhetorik und bezeichnete Trump als »nicht wählbar«. Doch nach einem persönlichen Treffen schloss er sich dem Trump-Team an. Heute kümmert sich der Präsident der nationalen Konferenz für lateinamerikanische Führungskräfte vor allem um die Rechte undokumentierter Einwandererkinder. Rodriguez will »einen neuen Ton« bei Trump entdeckt haben. Er ist ein überzeugter Wohlstandsprediger und arbeitet aktiv an der Abschaffung der »Obamacare«-Krankenversorgung.
Paula White,Tele-Evangelistin
Paula White kennt Donald Trump seit 14 Jahren. Die immer perfekt gestylte Fünfzigjährige teilt mehrfache Scheidungen, finanzielle Skandale und einen endlosen Optimismus mit dem neuen Präsidenten. White gilt als die Hohepriesterin der »Prosperity Gospel«-Erfolgstheologie. »Wer Gott aufrichtig liebt, den wird er finanziell reich belohnen«, verkündet sie Millionen hoffnungsvollen Anhängern ihrer TV-Show. Ihre Predigten – als DVD für 50 Dollar das Stück – verkaufen sich rasant.
Jesus sei nicht der einzige, sondern nur der erste Sohn Gottes, predigt White. Jeder Mensch sei göttlicher Herkunft. 2oo7 hatte eine Congress-Untersuchung Paula Whites Luxusleben unter die Lupe genommen. Weil die Fernseh-Evangelistin – aus religiösen Gründen – die Mitarbeit verweigerte, wurde das Verfahren nach drei Jahren eingestellt. Für Russell Moore, den Vorsitzenden der Ethik-Kommission der Südlichen Baptisten, ist Paula White eine notorische Betrügerin, die von keinem gläubigen Christen ernst genommen werde.
Franklin Graham, Missionswerk »Samaritan’s Purse«
Auch Franklin Graham, der xenophobe Sohn des 98-jährigen Evangelisten Billy Graham, darf morgen mit Donald Trump auf der Bühne stehen. Graham Junior, eine bissige Karikatur seines vergleichsweise moderaten Vaters, sieht »die Hand Gottes« in der Wahl von Donald Trump am Werk. Er fühlt sich dem neuen Präsidenten besonders nahe, weil er manche Trump-Positionen schon sehr früh selber vertreten hat. Franklin Graham ist ein langjähriger Islamhasser, der in der Tat schon vor Trump ein absolutes Einreiseverbot für Muslime verlangt hat. Er applaudiert Putin nicht nur für seine Syrienpolitik, sondern preist Moskaus menschenfeindliche Anti-Schwulen-und-Lesben-Position als vorbildlich. In der rechtlichen Gleichstellung von sexuellen Minderheiten sieht Graham das von Obama verschuldete Ende Amerikas. Der erbarmungslose Kulturkämpfer hat Donald Trump weder für seine frauenfeindlichen Ausfälle noch für das »Pussygate«-Tape kritisiert, das im Wahlkampf auftauchte.
Christlicher Nationalismus, kapitalistisches Christentum
Der Princeton-Historiker Kevin Kruse sieht in Paula White und Franklin Graham ein besonderes Gespann: »Graham und White zusammen verkörpern Trumps Umarmung zweier Ideologien, die zwillingshaft aneinander gekoppelt sind: christlicher Nationalismus und kapitalistisches Christentum.« Autor John D. Wilsey drückt es ähnlich aus: »Paula White und Franklin Graham repräsentieren eine Spielart pragmatischer Spiritualität, derer Trump sich während seines gesamten Wahlkampfes bedient hat. Graham treibt die politische Agenda voran und White sieht zu,dass die Finanzen stimmen.«
Donald Trumps Affinität zu Wohlstandspredigern ist quasi genetisch bedingt. Seine Eltern waren Anhänger des ersten amerikanischen Erfolgspredigers Norman Vincent Peale. In den 1950er und 1960er Jahren begeisterten Peales Aufrufe zur Selbsthilfe (»Think Positive«) ganz Amerika. Donald Trump besuchte Peales Sonntagsschule in Manhattan und prahlt noch heute damit, Peales Musterschüler gewesen zu sein. Die Lehren aus Peales’ weltweit übersetztem Bestseller »The Power of Positive Thinking« (Die Kraft positiven Denkens) habe er Zeit seines Lebens mit großem Erfolg beherzigt.
Es sieht ganz so aus,als habe der Immobilienmogul, Reality-TV-Impressario und Präsidentendarsteller Donald Trump Norman Vincent Peale falsch verstanden. Denn es gibt Widerspruch aus berufenem Munde: John Peale (79), der in Virginia lebende Sohn von Norman Vincent Peale, hätte es lieber, wenn Trump sich nicht auf seinen Vater berufen würde. Laut Washington Post hegt der Demokrat und emeritierte Philosophie-Professor John Peale keinen großen Respekt für Donald Trump. »Ich kann ihn nicht richtig ernst nehmen«, sagt Prof. Peale: »Er ist ein Problem für unsere Familie. Donald Trumps Bild von meinem Vater deckt sich nicht mit meinen Erfahrungen. Materieller, finanzieller Erfolg stand nicht im Zentrum der Arbeit meines Vaters. Er wollte den Menschen helfen. Nur darum ging es ihm.«
