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Brauchen wir 24-Stunden-Kitas?

Manuela Schwesig will die Betreuungsangebote in Kitas erweitern. Kinder sollen jetzt über Nacht bleiben können. Eine gute Idee? Sagen Sie uns hier Ihre Meinung! Die Argumente? Lesen Sie in diesem Pro und Contra
von Christiane Gross , Rainer Böhm vom 27.07.2015
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Brauchen wir 24-Stunden-Kitas? Ärztin Christiane Groß sagt: »Ja!« Arzt Rainer Böhm sagt: »Nein!« (Fotos: privat)
Brauchen wir 24-Stunden-Kitas? Ärztin Christiane Groß sagt: »Ja!« Arzt Rainer Böhm sagt: »Nein!« (Fotos: privat)

Christiane Groß: »Ja, das entlastet alle, die nachts arbeiten«

»Ganz dringend brauchen wir Kitas, in denen Kinder notfalls auch nachts betreut werden. Viele Eltern müssen nachts und am Wochenende arbeiten: Ärzte, Krankenschwestern, Polizisten, Piloten und Stewardessen, Mitarbeiter von Sicherheitsdiensten und in der Gastronomie. Die Kinderbetreuung muss sich deshalb viel mehr den Dienstzeiten anpassen.

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Für Ärztinnen wäre es optimal, die Kita wäre dem Krankenhaus angegliedert. Nicht, dass die Kinder rund um die Uhr in der Kita sein sollen. Aber wenn beide Elternteile Schicht arbeiten oder ein Elternteil alleinerziehend ist und die Großeltern krank sind – dann ist so eine Über-Nacht-Betreuung eine gute Lösung. Eltern, die ihr Kind in einer der schon bestehenden Kitas mit Nacht-Betreuung angemeldet haben, berichten, dass allein die Möglichkeit der Betreuung über Nacht sie entlastet. Und das kommt ja auch wieder den Kindern zugute.

Natürlich muss man damit sehr umsichtig umgehen: Die Betreuung muss eine hohe Qualität haben, die Kinder sollten ihre Bezugspersonen kennen und nicht in Schlafsälen, sondern in ganz kleinen Gruppen nächtigen. Und es ist gewiss keine Lösung für jede Nacht. Aber vereinzelt in Anspruch genommen, wirkt es sich sicherlich nicht schädlich auf die Kinder aus.

Als meine Kinder geboren wurden, hätte ich gerne Beruf und Kinder miteinander vereinbart. Doch diese Möglichkeit gab es damals nicht. Mir blieb nichts anderes übrig, als viele Jahre lang aus dem Beruf auszusteigen. Ich bin froh, dass sich seitdem vieles geändert hat und Mütter heute zunehmend wählen können, ob sie pausieren oder weiter berufstätig bleiben wollen. Weil es in vielen Berufen ohne Nachtdienste und Wochenendschichten nicht geht, braucht es auch Betreuungsangebote, die die Nächte und das Wochenende abdecken.«

Rainer Böhm: »Nein, das schadet den Kindern«

»Schon die massive Ausweitung der Betreuung von Kindern unter drei Jahren in den vergangenen Jahren stellte eine Grenzverletzung dar. Sie hat zu einer Verschlechterung der Gesundheit und des Wohlbefindens von Kindern geführt. Es liegen umfangreiche wissenschaftliche Ergebnisse vor, die zeigen, dass der zunehmende zeitliche Umfang außerfamiliärer Gruppenbetreuung in den ersten Lebensjahren mit Mangel an sicherer Bindung, stark erhöhter Stressbelastung, Verhaltensauffälligkeiten und schlechterer Gesundheit für Kleinkinder verbunden ist.

Gestört werden auch die individuellen kindlichen Schlafrhythmen. Dadurch steigt die Stressbelastung zusätzlich. Das lässt sich durch Messung des Cortisols im Speichel nachweisen. Die Studien zeigen, dass Kita-Kinder zu wenig erholsamen Schlaf bekommen.

Mit der jetzt geplanten Ausweitung der Betreuungszeiten, bis hin zum Extrem der 24-Stunden-Kita, pressen wir Kleinkinder immer stärker in das Korsett der Erwachsenen-Arbeitswelt. Der schon jetzt für viele Kinder schwerwiegende Mangel an sicherer Bindung im Kita-Alltag wird durch noch häufigeren Personalwechsel im Zuge eines Schichtbetriebs nochmals verschärft.

Es ist wahrhaft trostlos, dass kleine Kinder kaum eine Lobby finden, wenn es um den Erhalt einer kindgerechten Umwelt geht. Anstatt das Wegorganisieren von Kleinkindern immer weiter zu perfektionieren, müssen wir ihnen ihren dringend benötigten frühen familiären Schutzraum erhalten.

Das bedeutet, dass, insbesondere während der ersten Lebensjahre jedes Kindes, sichergestellt werden muss, dass mindestens ein Elternteil von Schicht- und Erwerbsarbeit freigestellt bleibt, ohne dass dies die materielle Existenzgrundlage der Familie bedroht.«

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Personalaudioinformationstext:   Christiane Groß, geboren 1953, ist Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes. Sie ist Ärztin für Allgemeinmedizin und ärztliche Psychotherapie und hat zwei erwachsene Kinder.
Rainer Böhm, geboren 1961, ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und leitet das Sozialpädiatrische Zentrum Bielefeld Bethel. Er hat zwei Söhne.
Schlagwort: Kinderbetreuung
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