Der Fall Augstein: Die Empörung regiert
Antisemitismus ist breit in der deutschen Bevölkerung verankert. Laut verschiedener Studien gelten zwanzig Prozent der Deutschen als latent antisemitisch. Das wirklich Erschreckende daran ist, dass es dabei eben nicht nur um die Kreise »rechts außen« in der politischen Landschaft geht, sondern dass antisemitische Einstellungen sich tief in der gesellschaftlichen Mitte finden lassen.
Es muss eine der wichtigsten Aufgaben jedes Demokraten sein, diese Einstellungen zu bekämpfen. Trotzdem verfehlt die Diskussion über den Journalisten und Herausgeber der Wochenzeitung Der Freitag, Jakob Augstein, das Ziel. Augstein wurde vom Simon-Wiesenthal-Zentrum auf die Liste der zehn schlimmsten Antisemiten des letzten Jahres gesetzt – neben den ägyptischen Muslimbrüdern und dem iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad. Auch wenn Zeit online heute, am 9. Januar 2013, berichtet, das Wiesenthal-Zentrum habe seine Verurteilung relativiert, geißele jetzt nurmehr Augsteins Äußerungen, nicht Augstein als Person, so bleibt doch eine nicht weniger anmaßende Unterstellung bestehen: Jakob Augstein, sagt Rabbi Abraham Cooper, stellvertretender Direktor des Zentrums, sei sich vielleicht gar nicht bewusst gewesen, mit seinen Texten »eine Grenze zu überschreiten«. Ein unsensibler Journalist also?
Dieter Graumann, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, bescheinigt Augstein, über Israel »mit dem Fingerspitzengefühl eines Bulldozers« zu schreiben – und wird daraufhin seit 8. Januar 2013 genüsslich von der rechten Jungen Freiheit zitiert, die Graumann als Kronzeugen gegen einen linken Journalisten missbraucht. Dass Graumann auch gesagt hatte, dass Augstein seiner Meinung nach nicht auf die Liste des Wiesenthal-Zentrums gehöre, »weil die anderen auf der Liste, auch die widerlichsten Naziparteien..., damit unzulässig verharmlost werden«, wird von der Jungen Freiheit nicht verschwiegen – aber eben auch nicht bestätigt.
Augstein äußert sich in seiner Kolumne bei Spiegel online gern über den Nahost-Konflikt und kritisiert dabei auch sehr gern die israelische Politik. Einigem lässt sich dabei zustimmen, anderes schießt über das Ziel hinaus. Sein Dank an Günter Grass für dessen Gedicht »Was gesagt werden muss« beispielsweise ist – trotz aller darin geäußerten Kritik an Grass – unangemessen. Augsteins Kritik an der »Besatzungsmacht Israel« ist oft undifferenziert. Ein gefährlicher Antisemit oder gar jemand, der mit seinen Texten »einem möglichen nächsten Holocaust« den Weg ebne, wie der Publizist Henryk M. Broder behauptet, ist Augstein damit aber noch lange nicht. Überzogene Kritik an der Regierungspolitik Israels kann nicht pauschal als antisemitisch abgetan werden.
Eine gehaltvolle Diskussion über den Nahost-Konflikt darf sich nicht von Empörung leiten lassen. Schon gar nicht von einer deutschen Empörung über angeblichen Antisemitismus des einen oder angeblich fehlende Empathie für Palästinenser des anderen Diskussionspartners. Eine gewinnbringende Diskussion funktioniert nur über das Entwickeln von Verständnis: Verständnis für den Staat Israel, der, geboren aus der ganz besonderen Geschichte des Judentums, seit seiner Gründung von Feinden umgeben ist und unter ständiger Bedrohung steht. Aber auch Verständnis für die Menschen in den Palästinensergebieten, die ihre persönliche Situation als Unterdrückung durch die Besatzung der israelischen Armee wahrnehmen. Entscheidet man sich schon vor einer solchen Diskussion für eine Seite, wird man damit niemandem gerecht.
Empören sollte man sich über ganz andere Dinge: Die Diskussion über religiös begründete Beschneidung im vergangenen Jahr war an vielen Stellen tief antisemitisch geprägt. Dass über das Kindeswohl öffentlich debattiert wurde, war zweifelsohne gerechtfertigt. Doch unter dem Deckmantel des Engagements für eben jenes Kindeswohl bekamen viele auch die Gelegenheit, ihren Antisemitismus zu formulieren. Man sah deutlich: Da brodelt es gefährlich in der Mitte der Gesellschaft. Die Gefahr, die von diesem brodelnden Kessel ausgeht, ist wesentlich ernster zu nehmen als die Debatte um Augsteins Texte.
