Ein Freiheits- und Einheitsdenkmal?
»Dürfen wir uns in Deutschland, in Berlin, an die Friedliche Revolution von 1989/90 mit Freude, mit ein wenig Stolz erinnern? Ich hoffe, ja. Dürfen wir das auch durch ein Denkmal tun, in einem Denkmal ausdrücken? Ich meine, ja. Der Entwurf für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal, das diesem Zweck dienen soll, ist bis zur Baureife und Baugenehmigung gediehen. Die »Waage« – von manchen auch Wippe genannt – soll kein heroisches Denkmal sein, sondern auf spielerische Weise etwas Grundlegendes der Friedlichen Revolution symbolisch ausdrücken: Bürger in Bewegung können die Waage der Geschichte neigen, wenn sie sich einig werden, wohin sie wollen.
Der Haushaltsausschuss des Bundestages hat dieses Denkmal mit der Begründung einer »Kostenexplosion« (von drei Millionen Euro) überraschend gekippt. Inzwischen hat er aber seine eigene Begründung Lügen gestraft: Er will nun 18 (!) Millionen ausgeben für die Wiedererrichtung wilhelminischer Kolonnaden um ein leeres Denkmalspodest, das eigentlich der Ort des neuen Freiheitsdenkmals sein sollte.
Welch Trauerspiel! Verraten diese Entscheidungen doch eine tiefe Verachtung des Beitrages der Ostdeutschen zur deutschen Demokratiegeschichte! Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte ist es gelungen, Freiheit und Einheit nicht zu Gegensätzen werden zu lassen. Eine Freiheitsbewegung von unten, die die Einheit ermöglichte und dabei nicht die Freiheit verriet: Dürfen wir dieses historischen Glücks nicht gedenken wegen unserer vielfach finsteren deutschen Geschichte? Ich meine: im Gegenteil! Auch wir Deutschen können Ermutigung zu demokratischer Gemeinsamkeit und zu Sensibilität für Gefährdungen der Freiheit und der Humanität aus der Erinnerung an historisch Gelungenes gewinnen. Auch wenn das vor allem Ostdeutschen zu verdanken ist. Es geht um nicht weniger und nicht mehr bei diesem Denkmalsstreit.«
Hans-Jürgen Röder: »Nein, anders erinnern!«
»Es steht außer Frage, dass sich die Deutschen an die Friedliche Revolution und an die wiedererlangte Einheit mit Freude und Stolz erinnern dürfen. Ob dazu aber in Berlin und/oder Leipzig ein Denkmal nötig ist, scheint mehr als fraglich. Zumal zu einem Preis, der ein wenig an die »Tonnen«-Ideologie vergangener Zeiten erinnert: Was viel kostet, muss auch sehr wirksam sein! Als könnte finanzieller Aufwand bestehende Defizite ersetzen.
An Defiziten fehlt es in dieser Erinnerungskultur nicht. Da ist zum Beispiel der Ort, an dem das Berliner Denkmal entstehen soll: der leere Sockel des ehemals kaiserlichen Reiterdenkmals, ein prominenter Ort, aber wenig authentisch – wie auch der Wilhelm-Leuschner-Platz, auf dem das Leipziger Denkmal vorgesehen war. – Aber brauchen wir wirklich abstrakte Denkmäler? Ich meine, nein! Gefragt sind vielmehr Orte lebendiger Erinnerung. Und dafür gibt es in Berlin wie in Leipzig zahlreiche authentische Orte, an denen die Geschichte der Friedlichen Revolution erfahrbar wird und die helfen können, nachfolgenden Generationen oder Gästen aus Nah und Fern etwas Anschauung von den Ereignissen im Herbst 1989 zu vermitteln.
Die Leipziger Nikolaikirche, der Nikolaikirchhof und der Altstadtring gehören zweifellos dazu. Und auch Berlin hat zahlreiche solcher Orte: die Zions- und die Gethsemanekirche oder auch den Alexanderplatz, auf dem am 4. November 1989 eine Million Menschen für politische und gesellschaftliche Erneuerung demonstrierten.
Warum nicht an dem einen oder anderen dieser Orte Begegnungszentren schaffen, die lebendige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ermöglichen? Orte der Information, der Begegnung und des Dialogs, um Erfahrungen aus der Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft fruchtbar zu machen? An Fantasie bei der Umsetzung sollte es eigentlich nicht fehlen.«
Hans-Jürgen Röder, geboren 1946, ist Journalist. Er war bis 1990 Korrespondent des epd in der DDR, danach Chefredakteur des epd-Landesdienstes Ost.
