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Friedensklima

Nach der Euphorie im Dezember über das Klimaabkommen von Paris scheint die Welt der rasanten Erwärmung deutlich weniger Aufmerksamkeit zu schenken. Zu viele Krisen halten die Menschen in Atem. Dabei könnte gerade der Abschied von der fossilen Energieerzeugung den Frieden befördern
von Markus Dobstadt vom 22.02.2016
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Für Tuvalu, eine Insel im Pazifischen Ozean, ist der Klimawandel existenziell, weil sie bei steigendem Meeresspiegel überschwemmt wird. Für Europa scheint das Thema wieder nachrangig geworden, trotz des gerade verabredeten weltweiten Klimavertrages. (Foto: pa/Koene)
Für Tuvalu, eine Insel im Pazifischen Ozean, ist der Klimawandel existenziell, weil sie bei steigendem Meeresspiegel überschwemmt wird. Für Europa scheint das Thema wieder nachrangig geworden, trotz des gerade verabredeten weltweiten Klimavertrages. (Foto: pa/Koene)

Ein früher Morgen in Bonn, die ersten Bäume blühen, auch die Osterglocken haben Blütenknospen. Die Natur erwacht im Rheinland bereits aus dem Winterschlaf. Die Sonne scheint, alles wirkt frisch. Der Gedanke, dass der Mensch diese prachtvolle Natur bedrohen könnte, kann einem bei diesem Anblick nicht kommen. Und doch genau darum geht es an diesem Tag im Bonner Universitätsclub: Die Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch hat zu einer »Fast Forward«-Konferenz eingeladen. Experten diskutieren, wie aus dem Klimaabkommen von Paris und den Globalen Nachhaltigkeitszielen konkrete Politik werden kann.

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Klimawandel? Wirkt das Thema nicht wie aus der Welt gefallen? Die Syrienkrise, die Flüchtlingskrise, Konflikte in Europa, die neuen Spannungen zwischen Russland und dem Westen, auch die weiter schwelende Finanzkrise, vielleicht sogar die Krise beim Weltfußballverband FIFA, alles das ist aktueller, fordert unsere Aufmerksamkeit stärker und stellt alles andere in den Schatten. Der Klimawandel wirkt wie eine weitere Krise, für die niemand mehr Kapazitäten hat.

Und doch ist es nicht eine Krise, die einfach »nur« dazukommt: Diese Krise und ihre Lösungen sind eng mit anderen auf der Welt verwoben. Hat zum Konflikt in Syrien nicht eine extreme Dürre beigetragen, die im Land, zusammen mit dem miserablen Krisenmanagement der Regierung, als ein Stressfaktor wirkte? Könnte eine EU-weite Energiewende nicht für Investitionen im wirtschaftsschwachen Süden sorgen und die Finanzkrise eindämmen helfen? Eine Studie sieht das so, Germanwatch ebenso. Und wirkt die aktuelle Flüchtlingskrise nicht wie ein Vorgeschmack auf zu erwartende noch viel größere Fluchtbewegungen, verursacht durch den Klimawandel?

Klar ist, kein Thema erfordert eine engere Kooperation der Länder als der Klimawandel, denn keine Nation alleine kann die Erwärmung der Welt stoppen. Zu gewaltig ist das, was auf die Menschen zukommt und worauf immer wieder Indizien hinweisen. Der Januar 2016 etwa war der wärmste seit Beginn der Messungen, zum neunten Mal in Folge brach ein Monat den Temperaturrekord.

»Wenn man höhere Kohlendioxidwerte (und damit letztlich höhere globale Temperaturen) finden möchte, als wir sie heute erleben, muss man sehr weit zurückgehen, vielleicht bis ins mittlere Miozän vor fünfzehn Millionen Jahren«, schreibt Elisabeth Kolbert in ihrem Buch »Das sechste Sterben«. Sie geht darin der Frage nach, ob der Mensch nicht gerade dabei ist, ein erneutes großes Massensterben zu verursachen. Fünf Mal in der Erdgeschichte ließen katastrophale Ereignisse etliche Arten der Welt aussterben, beim jüngsten verschwanden die Dinosaurier.

Jetzt könnten laut Kolbert erneut zahlreiche Lebewesen auf der Erde gefährdet sein, diesmal durch menschliches Handeln: »Experten schätzen, dass ein Drittel aller riffbildenden Korallen, ein Drittel aller Süßwassermollusken, ein Drittel der Haie und Rochen, ein Viertel aller Säugetiere, ein Fünftel aller Reptilien und ein Sechstel aller Vögel vom Aussterben bedroht sind«, schreibt sie.

Erneuerbare Energien können die Welt stabilisieren

Doch noch kann der Mensch das Schlimmste verhindern. Und vielleicht macht er es auch. Die Beschlüsse von Paris, die eine Begrenzung der Welterwärmung auf möglichst 1,5 Grad vorsehen, sind »extrem ambitioniert«, sagte Christoph Bals, der Politische Geschäftsführer von Germanwatch, bei der Tagung in Bonn. Der Umstieg auf erneuerbare Energien bietet seiner Meinung nach aber enorme Chancen.

Die Schwankungen beim Ölpreis etwa destabilisierten die gesamte Weltwirtschaft. Die Preise bei den Erneuerbaren Energien seien hingegen stabil, das berge »sehr viel weniger Risiken für die Welt«, sagt Bals, der glaubt, dass nach dem Ende des Syrienkonflikts »eine Art Marshallplan für die Region« nötig sein werde, verbunden mit einem Ausstieg aus dem Öl. In manchen arabischen Ländern gebe es bereits Diskussionen über den Abschied von den fossilen Energiequellen und Vorschläge, den eigenen Ölverbrauch zu reduzieren, um so das Öl länger verkaufen zu können.

Die Chancen, dass die Welt den Klimawandel noch in den Griff bekommt und den Temperaturanstieg auf unter zwei Grad begrenzt, sind tatsächlich da. Denn mit der Umstellung auf erneuerbare Energien geht es weltweit rasant voran. Das machte bei der Tagung in Bonn Alexander Ochs vom Wordwatch Institute anhand von vielen Grafiken deutlich. Die solare Stromerzeugung durch Fotovoltaik stieg weltweit innerhalb von zehn Jahren um mehr als das fünfzigfache, von 3,7 Gigawatt 2004 auf 177 Gigawatt im Jahr 2014. Die Ausbeute bei der Windenergie nahm im gleichen Zeitraum ebenfalls enorm zu, von 48 auf 370 Gigawatt. »Und das trotz wirklich preiswerter fossiler Energieträger«, sagte Ochs.

»Die Erneuerbaren« würden schnell konkurrenzfähiger, die Kosten fielen rasant, meinte er. Weltweit seien 2014 rund 270 Milliarden Dollar in sie investiert worden. Inzwischen liege ihr Anteil bei der Energieerzeugung bei 13,7 Prozent (2013). Den Grafiken zufolge könnte die Entwicklung auch ein Jobmotor sein. Bis 2030 könnten 24 Millionen Jobs dank der erneuerbaren Energien und den Globalen Nachhaltigkeitszielen entstehen (s. Grafik Nummer 22).

Aber natürlich werden auch Jobs verloren gehen. In Deutschland etwa in der Kohleindustrie. Der Thinktank Agora hat einen Runden Tisch vorgeschlagen, um dort über den nötigen Ausstieg Deutschlands aus der Energieerzeugung durch die enorm klimaschädliche Kohleverbrennung zu diskutieren. Agoras »Konsens«-Vorschlag sieht einen Ausstieg bis 2040 und Strukturhilfen für betroffene Regionen vor. In einem Workshop bei der Tagung wurde über den Vorschlag diskutiert.

Der Klimawandel ist aber nicht nur eine globale und nationale Aufgabe. Was jeder einzelne für eine klimafreundliche Welt machen kann, beschreibt das Konzept des Handprints, um das es ebenfalls in einem Workshop ging. Entwickelt hat es das Centre for Environment Education in Indien. Das für die 2007 vorgestellte Kampagne verwendete Handsymbol stammt von der damals zehnjährigen Srija. Das Konzept ist auf der Webseite von Germanwatch nachzulesen.

Inzwischen, die Tagung ist zu Ende, ist es draußen dämmerig geworden. Die Debatten über den Klimawandel kreisen noch in meinem Kopf. Bei der Tagung war zu hören, dass die kommenden zwölf Monate sehr wichtig würden. Wird die Welt den Klimawandel ernsthaft in Angriff nehmen? Trotz anstehender Wahlen in den USA, Frankreich und Deutschland? Trotz dramatischer politischer Krisen und mörderischer Kriege? Begonnen hat der Umbau längst. In der U-Bahn fällt mir eine Zeitung in die Hand. Dort lese ich einen Spruch, der aus Asien stammen soll: »Träumt groß, beginnt klein, geht langsam.«

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