Fukushima: Katastrophe ohne Ende
Die »Hortensienrevolution« ist noch nicht beendet. Den Begriff erfand die Anti-Atombewegung im Sommer 2012, als große Demonstrationen mit weit über 100 000 Teilnehmern den Ausstieg aus der Atomenergie in Japan forderten. Solche Proteste hatte es seit den sechziger Jahren nicht mehr gegeben. Und die Demonstrationen waren nicht der einzige Ausdruck der Bürgerwut. Die Bewegung »Sayonara genpatsu« (»Tschüss Atomkraft«) sammelte rund 7,5 Millionen Unterschriften.
Außerdem gibt es in Japan seither »Freitags-Demonstrationen«. Jede Woche versammeln sich Aktivisten vor der Residenz des japanischen Premierministers und protestieren. Schon seit September 2011 zelten einige dauerhaft vor dem Wirtschaftsministerium. Die Reaktorkatastrophe vom 11. März 2011 in Fukushima hat Japan verändert. Erstmals wurde die seit den fünfziger Jahren ausgebaute Atomenergie auf der Insel von vielen Menschen hinterfragt. Und doch hat sich die Hortensienrevolution bisher nicht durchsetzen können. Im Gegenteil.
Während sich Deutschland auf den Weg macht, endgültig aus der Atomenergie auszusteigen und weltweit die Kernenergie auf dem Rückzug ist, bereitet Japan die Wende rückwärts vor. Nach der Katastrophe von Fukushima wurden alle 48 Reaktoren abgeschaltet. Doch in der Folge muss das hoch verschuldete Land für viel Geld fossile Brennstoffe importieren. Ministerpräsident Shinzo Abe will den von der Vorgängerregierung anvisierten Atomausstieg bis zum Jahr 2040 rückgängig machen. Sogar drei neue Kraftwerke sind geplant.
Atomenergie dient der Erzeugung von Kapitalrendite
Wie kann das sein, dass ein Land, das Opfer einer nuklearen Katastrophe wie in Fukushima wurde, dennoch so sehr an der Kernenergie festhält? Ein Grund dafür ist das »genpatsu mura«, das Atom-Dorf. Das meint, so erklärt die Leipziger Japanologin Steffi Richter, die enge Verquickung von Stromkonzernen, Kraftwerksherstellern, Politik, Medien und Wissenschaft. »Sie funktioniert bis heute«, sagt die Professorin.
Ein weiterer Grund, warum die Energiewende so schwierig ist, sind die Interessen der Kapital-Anleger in Atomindustrie, meint die in Deutschland lebende Japanerin Michi Kitazawa-Engel: »In Wirklichkeit dienen die Atomkraftwerke nicht in erster Linie der Erzeugung von Energie, sondern der Erzeugung von Kapitalrendite.« Und schließlich scheint die Wende, trotz Fukushima, viele Bürger nicht zu interessieren. Bei der Bürgermeisterwahl in Tokio gewann jetzt, bei geringer Wahlbeteiligung, der atomfreundliche Kandidat deutlich.
Dabei leben die Menschen in der Region Fukushima seit drei Jahren mit den Folgen des 11. März 2011, als Erdbeben und Tsunami mehr als 15 000 Menschen in den Tod rissen und rund eine halbe Million Bewohner obdachlos machten. Und diesen Naturkatastrophen folgte dann die von Menschen gemachte Katastrophe: die Kernschmelze in drei Reaktorblöcken des Atomkraftwerkes Fukushima.
Jahrelang hatte der Betreiber, die Tokyo Electric Power Company (Tepco), detaillierte Warnungen in den Wind geschlagen. »Das ist der Skandal«, sagt Heinz Smital von Greenpeace. »Tepco wusste, dass das Atomkraftwerk einem Tsunami nicht standhält. Man ging sehenden Auges in die Katastrophe. Geld spielte eine größere Rolle als die Sicherheit.« Nicht einmal für das Erdbeben war das Kraftwerk gerüstet. Entsprechende Vermutungen hat unter anderem eine Untersuchung der Deutschen Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) bestätigt. Schon vor dem Tsunami war Radioaktivität ausgetreten.
Während die Katastrophen-Gefahr noch lange wie ein Damoklesschwert über Japan schweben wird, werden die Menschen in der Region Fukushima seit drei Jahren tagtäglich mit der radioaktiven Strahlung konfrontiert. Sie sind verunsichert, weil die Regierung die Gefahr verharmlost.
Wie leben die Menschen in Fukushima mit der Strahlung, von der sie nicht genau sagen können, wie gefährlich sie ist? Antworten auf diese und weitere Fragen lesen Sie im neuen Publik-Forum, das am Freitag, 28. Februar, erscheint.
