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Gewalt oder Therapie?

Der Kinofilm »Elternschule« polarisiert: Journalisten sind begeistert, Ärzte warnen vor den gezeigten Erziehungsmethoden
von Andrea Teupke vom 01.11.2018
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Umstrittene Therapie: Die Klinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen behandelt verhaltensauffällige Kinder (Foto: Pressebild elternschulefilm.de)
Umstrittene Therapie: Die Klinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen behandelt verhaltensauffällige Kinder (Foto: Pressebild elternschulefilm.de)

Als Lena Mandler im Kino den Dokumentarfilm »Elternschule« sah, war sie entsetzt: In der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen wird ein kleines Kind im Gitterbett in einen dunklen Raum geschoben. Weil es Schlafstörungen hat, soll es dort lernen einzuschlafen – allein, getrennt von seiner Mutter. Eine andere Szene zeigt, wie eine Krankenschwester ein kleines Kind festhält, das die Nahrung verweigert. Schließlich klemmt sie es mit ausdruckslosem Gesicht zwischen ihre Beine. Kinder stundenlang festzuhalten, damit sie essen; sie mehrere Tage lang nachts schreien zu lassen, damit sie schlafen: Für Mandler ist das »psychische Gewalt«. Ihrer Meinung nach sollte dieser Film deshalb nicht öffentlich gezeigt werden – und es müsste untersucht werden, ob diese Art der Therapie überhaupt zulässig ist. Dafür hat sie eine Online-Petition eingerichtet und bereits mehr als 22.000 Unterstützer gefunden. Aufgrund der Anzeige eines Arztes hatte die Staatsanwaltschaft Essen zunächst wegen des Verdachts der Misshandlung Schutzbefohlener ermittelt, doch inzwischen sind die Ermittlungen nach Begutachtung des Films und einer unangemeldeten Kontrolle der Klinik eingestellt worden.

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Verzweifelte, überforderte Eltern

Man kann den Film aber auch ganz anders wahrnehmen. Dann sieht man verzweifelte und vollkommen überforderte Eltern. Wenn sie hier keine Hilfe bekäme, müsse ihre Tochter in ein Heim, sagt eine Mutter beim Aufnahmegespräch in der Klinik. Ein Baby schreit 14 Stunden am Tag. Ein blasses Mädchen bewegt sich wie in Zeitlupe und isst nichts mehr außer Pommes und Chicken Nuggets. Ein Junge verweigert jegliche Nahrung. Kurz: Es handelt sich um verstörte, extrem verhaltensauffällige Kinder, die in der Klinik tatsächlich aufzublühen scheinen. Es ist anrührend, mitzuerleben, wie manche nach langem Zögern dann doch Kontakt aufnehmen, wie sie zaghaft lächeln und beginnen zu spielen. Die Botschaft der Filmemacher: Kinder brauchen verlässliche Strukturen und klare Grenzen, und die bekommen sie in dieser Klinik.

Viele Zuschauer begeistert das, und auch die meisten Journalisten. So schrieb die Süddeutsche Zeitung: »Für jeden, der Kinder hat, ist der Film ein Muss.« Kritikern entgegnen die Filmemacher Jörg Adolph und Ralf Bücheler auf ihrer Homepage www.elternschulefilm.de: »Die Kinder werden durch die Behandlung nicht traumatisiert, sondern entlastet und gestärkt!«. Die Klinik hat die gegen sie erhobenen Vorwürfe auch in einer Stellungnahme zurückgewiesen.

Darf man Kinder folglich so behandeln? Muss man es vielleicht sogar? Unter Fachleuten ist das im Film dargestellte Konzept umstritten. Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster kritisiert im Tagesspiegel »die frontale Selbstverständlichkeit, mit der erzieherische Gewalt dargestellt, glorifiziert und auch medikalisiert wird«. Seiner Meinung nach bräuchten diese »Mütter und Väter in schwerer Not« Unterstützung, wie sie ihren Kindern ein »Gefühl von Schutz, von Bedeutung und Zugehörigkeit« vermitteln könnten. Doch »die Fähigkeit der Eltern, ihr Kind stark und gütig zu begleiten, wächst nicht, indem sie die Routinen des Krankenhauses dann zu Hause umsetzen«. In seinem Blog erläutert Renz-Polster ausführlich, warum er das gezeigte »Trennungstraining« für schädlich hält.

Psychoanalytiker nennt Methoden »fragwürdig«

Auch Karl Heinz Brisch, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapeut und Psychoanalytiker hält den Film für »erschreckend« und die dort gezeigten Methoden für fragwürdig. »Man muss keine emotionale Gewalt ausüben«, sagt der langjährige Leiter der Abteilung für Pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Universität München. Viel wichtiger sei es, die Ursachen zu verstehen – wie es etwa zu einer Essstörung gekommen ist oder warum manche Mütter so entsetzliche Angst hätten, ihre Kinder allein zu lassen.

Im Film scheint das keine Rolle zu spielen: Obwohl eine Frau andeutet, ein Kind verloren zu haben, geht die Therapie nicht auf ihre Ängste ein, sondern es steht nur das Verhalten des Kindes im Fokus. Dass das Training zu funktionieren scheint und die Kinder schließlich wieder schlafen und essen, ist für Brisch kein Argument: Den Kindern bliebe keine Wahl als aufzugeben. In manchen Einstellungen scheinen sie mit leerem Gesichtsausdruck durch die Kamera hindurchzuschauen; laut Brisch ein Indiz dafür, dass sie »dissoziieren«, also »ihre Gefühle abstellen«. Brisch würde ganz anders mit solchen Familien arbeiten: »Sobald die Mutter sich verstanden fühlt, entspannt sich die Situation«, erklärt er. Eine Therapie, die lediglich das Verhalten des Kindes ändert, aber nicht die dahinterliegende Psychodynamik berücksichtigt, wäre auch nicht nachhaltig, weil dann früher oder später neue Symptome auftreten würden.

Statt Eltern zu mehr Härte aufzurufen, möchte Brisch lieber Mut machen zu einer feinfühligen, bindungsorientierten Erziehung. Dafür hat er das Präventionsprogramm SAFE (Sichere Ausbildung für Eltern) entwickelt: Hier können Eltern lernen, mit ihren Kindern so umzugehen, dass die Beziehung gar nicht erst entgleist.

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Schlagwörter: Gewalt Therapie
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