Zur mobilen Webseite zurückkehren

Hilft ein Grexit Griechenland?

Die griechische Schuldenkrise bringt immer mehr Menschen in Not. Zwar hat Alexis Tsipras die ersten Reformgesetze durchs Parlament gebracht. Doch Euro-Retter wie Wolfgang Schäuble liebäugeln weiter mit einem Grexit auf Zeit. Wäre ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone gut für das Land? Stimmen Sie ab – und lesen Sie das folgende Pro- und Contra
vom 18.07.2015
Artikel vorlesen lassen
Hilft ein Grexit Griechenland? Robert Halver (links) sagt: "Ja!" Rudolf Hickel (rechts) sagt: "Nein!"
Hilft ein Grexit Griechenland? Robert Halver (links) sagt: "Ja!" Rudolf Hickel (rechts) sagt: "Nein!"

Robert Halver: »Ja, das Land würde wettbewerbsfähiger«

»Das Problem Griechenlands ist nicht seine Verschuldung, sondern seine wettbewerbsunfähige Wirtschaft, die einen ordentlichen Schuldendienst verhindert. Im erdrückenden Euro-Korsett fallen neue Hilfsgelder der Gläubiger oder der Europäischen Zentralbank auf unfruchtbaren Boden. Da könnte man auch versuchen, Tomaten in der Sahara anzubauen. Zum Schluss haben sie nur den Schuldenstand erhöht. Doch damit steckt Griechenland in einer Rettungs-Dauerschleife: Da die alten Schulden nicht getilgt werden können, müssen sie gestrichen werden, um mit künstlich verbesserter Bonität Platz für neue zu schaffen. Der Stabilitätscharakter der Eurozone, der Bedingung dafür war, dass die finanzstarken Länder ihre nationalen Währungen mit Einführung des Euro aufgaben, wird pervertiert. Denn das, was wir Griechenland gewähren, können wir anderen Euro-Ländern nicht verwehren. Langfristig würde aus der Eurozone ein Industriemuseum, das den wirtschaftlichen Anschluss an Amerika, China oder Indien verliert.

Anzeige
loading

Das klare Nein-Votum der Griechen zu Reformen ist jetzt eine gute Gelegenheit, mit einem Grexit Nägel mit Köpfen zu machen. Einerseits bekäme Griechenland mit der Drachme und einem finalen Schuldenschnitt eine wirkliche Wirtschaftschance. Die Exportbeschleunigung würde gewisse Wettbewerbsschwächen heilen. Und grundsätzlich würde das Land wieder lernen, seine Wirtschaftsprobleme über Reformen selbst zu lösen. Andererseits verkäme die Eurozone nicht zu einer Schuldenunion von EZBs Gnaden.

Die Euro-Kette wird nicht schwächer, wenn das schwächste Glied entfernt wird. Euro und Eurozone scheitern jedoch, wenn weitere Verstöße gegen die Euro-Stabilitätsregeln geduldet werden.«

Rudolf Hickel: »Nein, das Land würde verelenden«

»Mit einem Grexit wird Griechenland uneingeschränkt aus der Eurozone entlassen. Wegen der tiefen Wirtschafts- und Sozialkrise ist die griechische Drachme eine nach innen und außen extrem schwache Währung. Anzunehmen ist eine Abwertung der neuen Drachme gegenüber dem Euro um über fünfzig Prozent. Die neoliberale Hoffnung, mit einer eigenen Währung könne sich Griechenland aus der tiefen Wirtschaftskrise mit eigener Kraft herausbewegen, grenzt an Zynismus. Sicher, durch die massive Abwertung der Drachme kommt es im internationalen Preiswettbewerb zu Vorteilen. Aber Griechenland verfügt vor allem im industriellen Bereich nicht über eine konkurrenzfähige Wirtschaft. Was nützen Gewinne bei der Umrechnung der Euroerlöse in Drachmen beim Export von Maschinen, wenn diese gar nicht in Griechenland produziert werden? Gewinnen würde nur der Tourismus mit seinen Dienstleistungen. Aber Griechenland braucht auch eine industrielle Basis. Dagegen steht jedoch ein massiver Inflationsimport. Der Importeur, der in Deutschland zum Europreis einkauft, muss erheblich mehr Drachmen einsetzen. Durch die starke Importabhängigkeit Griechenlands kommt es zu einer realen Abwertung der Einkommen. Der formale Gewinn währungspolitischer Souveränität entpuppt sich am Ende als faktischer Verlust politischer Souveränität. Griechenland wird mit seiner eigenen Währung dauerhaft zum Armutsland. Hinzu kommt: Das Vertrauen in das verbleibende Euro-Währungssystem ist beschädigt. Wenn ein Land ausscheidet, warten Spekulanten nur auf das nächste Krisenland. Dem Preis, Griechenland durch den Aufbau wirtschaftlicher Strukturen und die Reform des Staates im Euro zu halten, stehen riesige Verluste durch die Chaos-Option eines Drachmen-Griechenlands gegenüber.«

4 Wochen freier Zugang zu allen PF+ Artikeln inklusive E-Paper
Personalaudioinformationstext:   Robert Halver, geboren 1963, ist Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank. Dort ist er auch für die Einschätzung der internationalen Anlageklassen zuständig.
Rudolf Hickel, geboren 1942, ist Wirtschaftswissenschaftler. Er ist Forschungsleiter für Finanzpolitik am »Institut Arbeit und Wirtschaft« (IAW) der Universität Bremen.
Schlagwort: Wirtschaftskrise
Publik-Forum
Publik-Forum
Einen Moment bitte...
0:000:00
1.0