Ich glaube an Mandela
Juni 1987, Evangelischer Kirchentag in Frankfurt: Ich liege vor dem Eingang zu den Glastürmen der Deutschen Bank. Zusammen mit Hunderten anderer Anti-Apartheid-Aktivisten, zumeist aus christlichen Bewegungen. Der Grund: Noch immer gewährt die Deutsche Bank Kredite an die weiße Apartheid-Regierung von Südafrika. Die Angestellten der Bank steigen über uns, manche nachdenklich, andere lächelnd. Vermutlich denken sie: »Ja, die Apartheid in Südafrika, die könnt Ihr so nicht überwinden. Und überhaupt: Was haben wir damit zu tun?«
Doch diesmal können Banken und konservative Politiker den Lauf der Dinge einmal nicht aufhalten. Diesmal ist die weltweit Solidarität mit der schwarzen Befreiungsbewegung stärker. Und sie hat längst auch herrschende Kreise in einem Maß erreicht, wie ich das seither nicht mehr erlebt habe: Unternehmen boykottieren Südafrika. Investitionsfonds – auch kirchliche – investieren nicht mehr in Südafrika. Kirchen auf der ganzen Welt werden aktiv. Der Evangelische Kirchentag kündigt seine Konten bei der Deutschen Bank. Und unsere Aktion »Kauft keine Früchte aus Südafrika« wird immer erfolgreicher.
Wann immer ich mich frage, wieso dort gelang, was anderswo oft scheitert, stoße ich immer auf die gleiche Antwort: Nelson Mandela. Es war dieser Mann, der 27 Jahre im Gefängnis von Robben Island saß, ohne zu resignieren, ohne zu verbittern, ohne an Rache zu denken. Er war »the person in question« – die Person, um die sich alles dreht, wie Mark Knopfler, der Sänger der Popgruppe Dire Straits dies in einem Solidaritätskonzert für Nelson Mandela ausdrückte.
Nelson Mandela war vieles nicht, was ihm später zugeschrieben wurde: Er war nie religiös; und eine Symbolfigur – das wollte er nie sein. Aber es war gerade seine Bescheidenheit, sein unprätentiöses Auftreten ohne Hass, sein Wort vom »Sünder, der sein Bestes gibt«, das die freie Welt für ihn einnahm – und das auch seine Wirkung auf die oft hasserfüllten Gegenspieler in der südafrikanischen Regierung nicht verfehlte. Es muss – neben dem ungeheuren Druck aus der ganzen Welt – diese Ausstrahlung gewesen sein, die den damaligen südafrikanischen Präsidenten Frederik Willem de Clerk – übrigens nach einem nächtlichen Gespräch mit einem Pastor – bewogen hat, Mandela frei zu lassen, ihm die Hand zu reichen und den Weg frei zu machen für das Ende der Apartheid und den ersten schwarzen Präsidenten des Landes.
Für mich hat Nelson Mandela eine besondere Bedeutung, obwohl Heldenverehrung eigentlich nicht mein Ding ist. Aber Nelson Mandela hält in mir den Glauben wach, dass grundlegende Veränderungen gegen mächtige Gegner doch möglich sind. Auch nach seinem Tod.
