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Ist die Arabische Revolution am Ende?

Freiheit kann man nicht essen, Scharia aber auch nicht: In den Ländern der Revolution ist der innerarabische Kampf der Kulturen in vollem Gange. Die Islamisierung hat nicht das letzte Wort
von Hamed Abdel-Samad vom 27.02.2012
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Protest in Kairo: Was wird aus den Arabischen Revolutionen in Ägypten, Syrien, Tunesien? (Foto: pa/Omar)
Protest in Kairo: Was wird aus den Arabischen Revolutionen in Ägypten, Syrien, Tunesien? (Foto: pa/Omar)

Hätten wir im Jahre 1790 - also ein Jahr nach dem Ausbruch der Französischen Revolution - gefragt, ob die Revolution gescheitert sei oder nicht, hätten wir diese Frage wahrscheinlich mit einem »Ja« beantwortet. Denn die Franzosen waren zu diesem Zeitpunkt von einer demokratischen Republik und von sozialer Gerechtigkeit weit entfernt. Das Chaos dominierte das Geschehen und die Kräfte der Gegenrevolution erstarkten. Auch die spätere Errichtung der ersten Republik in Paris war mit Gewalt und Terror verbunden - im Namen derer, die sich gegen die »Feinde der Revolution« zur Wehr setzten. Danach kamen das Bürgerheer und Napoleon. Erst im Jahre 1871 - Jahrzehnte nach der Revolution - kam die Demokratie nach Paris.

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Auch die deutsche Revolution von 1848/49, die Liberalismus, Freiheit und Demokratie forderte, wurde zunächst von preußischen und österreichischen Soldaten niedergeschlagen und mündete in Nationalismus und Militarismus. Wirklich demokratisch wurde Deutschland erst viel später.

Die gesellschaftlichen Dynamiken und Ideen aber, die mit den beiden Revolutionen verbunden waren, starben trotz aller Rückschläge nicht. Sie blieben im Kollektivgedächtnis der europäischen Bevölkerung lebendig und prägten die Gesellschaften auch Jahrzehnte später.

Es ist noch nicht aller Tage Abend...

Ein Jahr nach Beginn der Arabischen Revolution ist kein Land der Region da, wo es sich die Bevölkerung gewünscht hätte. In Tunesien steigt die Arbeitslosigkeit und der Unmut der jungen Menschen. In Libyen wurden die Waffenlager des gestürzten Diktators Gaddafi geplündert und auf die Stämme verteilt. Ein irakisches Szenario droht sich dort zu wiederholen. Auch in Syrien geht das Blutvergießen weiter und der Bürgerkrieg nimmt Konturen an. Im Jemen einigen sich die Islamisten mit den Anhängern des gestürzten Regimes nach langem Kämpfen darauf, den zurückgetretenen Diktator Saleh durch seinen Stellvertreter zu ersetzen. Und in Ägypten scheinen die Menschen eine Form der Bevormundung gegen eine andere getauscht zu haben. Dort herrschen die Islamisten über das Parlament und der Militärrat über die Ressourcen des Landes. Die Jugend der Revolution bleibt außen vor. Die neuen Herrscher am Nil inszenieren Gewalt - wie jüngst im Fußballstadion von Port Said -, um die Bevölkerung zu verunsichern. Lebensmittel und Benzin werden immer knapper und damit teurer. Dadurch wird ein Großteil der Bevölkerung revolutionsmüde. Rechtzeitig wird der 77-jährige Nabil Al-Arabi, Chef der Arabischen Liga, der gemeinsame Kandidat der Muslimbrüder und des Militärrates für die im Juni dieses Jahres geplanten Präsidentschaftswahlen.

Und dennoch ist es voreilig, von einem Scheitern der Revolution zu reden. Denn die jungen Menschen, die diese Revolution initiiert haben, sind, auch wenn sie nicht die Mehrheit der arabischen Bevölkerung ausmachen, sehr stark und aktiv. Ihnen fehlen nur die Strukturen und die politischen Erfahrungen. Viele von ihnen wollen deshalb zunächst von der Tagespolitik Abstand nehmen, denn die etablierten Kräfte warten nur darauf, ein paar Leute der Facebook-Generation als Feigenblatt-Minister berufen zu können, um sie dann zu »verbrennen«.

Selbstverständlich ist die Islamisierung in Ägypten und Nordafrika beunruhigend, nur hat sie nicht das letzte Wort. Ich sehe sie als einen Umweg auf dem Weg zur Demokratisierung. Ebenso wie die Versuche des Militärrates, den Lauf der Dinge noch aufzuhalten. Vierzig Prozent der Araber zwischen 18 und 27 haben keine Arbeit. Freiheit kann man nicht essen, Scharia aber auch nicht. Muslimbrüdern und Salafisten ist klar, dass sie für diese jungen Leute eine Lösung schaffen müssen, sonst werden sie früher oder später bei Wahlen hinweggefegt. Also brauchen sie mehr Touristen und mehr ausländische Investitionen. Mit islamischer Ideologie ist dies aber nicht zu erreichen. Deshalb neigen sie dazu, pragmatischer zu denken. Dieser Pragmatismus und der politische Alltag werden die islamische Bewegung entzaubern.

Das politische Erdbeben in Arabien hat einen innerarabischen Kampf der Kulturen zustande gebracht: zwischen Facebook und Kamel, zwischen der Demokratiebewegung und der Militärherrschaft, zwischen Liberalen und Islamisten. Dieser Kampf kann zerstörerisch, aber auch fruchtbar sein. In beiden Fällen ist er unvermeidbar. Er pflügt die versteinerte Erde und bringt alles hervor, was unter der Decke der Diktatur versteckt war: die Kreativität der jungen Menschen und den Mut der Frauen, aber auch die Krankheiten der arabischen Welt, die nun ausbrechen - Intoleranz, Gewalt, Fanatismus und die politische und wirtschaftliche Planlosigkeit.

Revolutionen sind Motoren der Geschichte

Revolutionen sind weder gut noch schlecht an sich. Sie sind keine Lösungen für die Krankheiten einer Gesellschaft, sondern Motoren der Geschichte. Sie zerstören viel und verändern viel - jenseits der Erwartungen der Revolutionäre und der Konterrevolutionäre. So bleibt das erste Jahr der Arabischen Revolution nur die Eröffnungsszene in einem langen Schauspiel. Auch wenn bei vielen Beobachtern die Skepsis überwiegt, kann kein Mensch den Ausgang dieses Spiels voraussehen. Sicher ist: Der Kampf ist unausgeglichen. Der Militärrat bekommt Unterstützung aus Amerika, die Muslimbrüder aus Katar, die Salafisten aus Saudi-Arabien; und die säkulare Minderheit, die für Freiheit kämpft, erntet nur noch Ungeduld aus dem Westen. Dennoch: Am Ende kommt es oft ganz anders, als die meisten es erwarten!

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Personalaudioinformationstext:   Hamed Abdel-Samad, geboren 1972, kam in Gizeh als Sohn eines Imams zur Welt. Er studierte zunächst Sprachen, später auch Politikwissenschaften. Seine universitäre Laufbahn führte ihn von Ägypten nach Japan, dann nach Deutschland, wo der Publizist und Wissenschaftler heute lebt.
Sie wollen mehr wissen über den Stand der Arabischen Revolutionen? Sie wollen Originaltexte von Menschen, die zum Beispiel das Massaker in einem Ägyptischen Fußballstadion miterlebten? Sie wollen Infos aus Syrien von einem Syrier, der unter Pseudonym schreiben muss, damit seine Familie am Leben bleibt? Sie wollen die Einschätzung eines ARD-Korrespondenten? Dann besorgen Sie sich den Premiumzugang zu weiteren Publik-Forum-Texten - vier Wochen kostenlos!
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