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Japan bleibt Atomstaat

Nichts gelernt aus Fukushima? Der alte Atomstaat macht einfach weiter wie gehabt. Vorerst. Doch die Wucht des Wandels ist vermutlich nicht zu stoppen. Fragen an Haruko K. Okano
von Thomas Seiterich vom 11.11.2012
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Atompolitik in Japan: Während die Regierung nach dem Gau von Fukushima weitermacht wie gehabt, wächst der Widerstand in der Bevölkerung. Im Juli  2012 (unser Foto) demonstrierten fast 200.000 Menschen in Tokio gegen die Atompolitik: Weitere Demos sind für den Herbst geplant.(Foto: pa/Kyodo/MAXPPP)
Atompolitik in Japan: Während die Regierung nach dem Gau von Fukushima weitermacht wie gehabt, wächst der Widerstand in der Bevölkerung. Im Juli 2012 (unser Foto) demonstrierten fast 200.000 Menschen in Tokio gegen die Atompolitik: Weitere Demos sind für den Herbst geplant.(Foto: pa/Kyodo/MAXPPP)

Japan startet erneut seine Atomkraftwerke. Wie hat sich Ihr Land verändert im Jahr des Atom-Moratoriums nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima?

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Haruko K. Okano: Ein tiefer Spalt geht seit der Reaktorkatastrophe von Fukushima mitten durch die Nation. Die Stimmen gegen die Atomkraft und gegen den japanischen Atomstaat mit seinen rund sechzig Atomkraftwerken, die allesamt an mehr oder weniger erdbebengefährdeten Orten gelegen sind, nehmen zu. Der neue, nachhaltige Anti-Atom-Protest verändert Japan, denn unsere Inselnation war zuvor äußerst harmonieorientiert und auf die Folgsamkeit gegenüber der Führung in Staat und Großunternehmen geeicht.

Wie geht es den direkten Opfern der Atomkatastrophe?

Okano:Rund 270 000 Personen leben noch in provisorischen Notunterkünften. 63 000 Menschen warten vergebens darauf, nach Fukushima zurückkehren zu können. Die Atomindustrie gibt an, die Stadt werde wieder bewohnbar sein, nach einer gründlichen sogenannten Reinigung. Doch diese geht nicht voran. Der Staat versprach nach dem Reaktorunglück, für die Betroffenen 20 000 Wohnungen zu errichten, doch bisher sind nicht mal ein Prozent davon im Bau. Dreißig Prozent der Nuklearflüchtlinge müssen getrennt von ihren Familien leben, vierzig Prozent sind bis heute arbeitslos. Neuerdings werden Verbrechen ans Licht gebracht: Die Aufräumarbeiter im havarierten AKW Fukushima sind enorm überhöhten Strahlendosen ausgesetzt. Diese Arbeiter sind nicht beim Atomriesen Tesko angestellt, sondern bei kleinen Subunternehmen. Sie werden von ihren Chefs genötigt, ohne Geigerzähler und Strahlenmessgeräte zu arbeiten. Auf diese Weise können sie besonders lange eingesetzt werden. Sie sind machtlose Arme, rücksichtslos ausgebeutete Sklaven der Atomindustrie.

Über 100 000 Japaner demonstrierten in Tokio gegen die erneute Atomenergienutzung. Ist die kritische Bewegung stärker geworden?

Okano: Ja. Im März, zu den Jahrestagen der Nuklearkatastrophe, fing es an, mit einer kleinen Demonstration in Tokio von 300 Personen. Als dann im Juni die Regierung die politische Entscheidung traf, den Ooi-Atomreaktor in der Provinz Fukui wieder in Betrieb zu nehmen, protestierten rund 170 000 Bürger, darunter viele junge Familien. Ähnlich wie in Arabien organisiert sich der Protest mittels Twitter oder Internet. Während Ministerpräsident Noda Yoshihiko von der Demokratischen Partei dem Druck der Großindustrie nachgab und die Anordnung für den Neustart des AKW unterzeichnete, belagerten Zehntausende Atomgegner den Regierungspalast.

Verändern sich die Politiker?

Okano: Die japanische Regierung beschloss Mitte September den schrittweisen Ausstieg aus der Atomkraft bis 2040, schränkte diesen aber nach Protesten der Wirtschaft wieder ein. Am 23. August hatte der Premierminister für eine halbe Stunde Atomgegner angehört. Sie forderten den Stop aller AKWs in Japan. Doch dieses – folgenlose – Minigespräch ist Teil des »unsichtbaren Systems« der Politik bei dem von Regierung und Wirtschaft betriebenen Neubeginn des Atomstaates. Jedoch: 42 Prozent der Parlamentsabgeordneten erklärten sich bei einer Umfrage Ende August für den völligen Atomausstieg. Auch auf der symbolischen Ebene der Politik verschiebt sich etwas: So nutzte der Oberbürgermeister von Nagasaki am 9. August die jährliche Zeremonie zum Gedenken an die Zerstörung der Stadt durch die Atombombe 1945 für einen scharfen Angriff gegen die von Regierung und Wirtschaft seit Jahrzehnten behauptete Friedensfunktion der zivilen Atomkraftnutzung. Auf diese Weise waren die vielen AKWs Japans viele Jahre lang mit friedenspolitischer Bedeutung aufgeladen und somit gerechtfertigt worden.

Die katholische Kirche Japans hat nach der Nuklearkatastrophe den Ausstieg aus dem Atomstaat gefordert.

Okano: Sie hat sich, angeführt von den Bischöfen, an die Spitze des Protestes der Religionen gegen die Atomkraft gesetzt (Publik-Forum 5/12). Das brachte ihr einen internen Vitalitätsschub. Allerdings bilden die rund 600 000 Katholiken nur eine kleine Minderheit in einer Nation von 130 Millionen Bürgern. Andere Kirchen befürworten ebenfalls den Atomausstieg, so der Nationale Kirchenrat Japans, die Anglikaner-Episkopalkirche und schließlich auch die größte protestantische Kirche, die United Church of Christ. Am 4. August trafen sich 51 Vertreter der christlichen Kirchen und der 89 Millionen Mitglieder zählenden Buddhisten auf dem Hiei-Berg nahe Kyoto und gaben eine gemeinsame Erklärung für den Atomausstieg ab. Hiei ist der Haupttempel der einflussreichsten buddhistischen Tendai-Denomination. Sie lädt jährlich zu einem ökumenischen Gespräch ein.

Auf welche Argumente haben sich die Vertreter der Religionen geeinigt?

Okano: Japan habe leider aus den vergangenen AKW-Katastrophen in anderen Ländern, etwa in Tschernobyl, nicht viel gelernt. Doch nun gelte es, in Demut und eingedenk der vielen Atomkatastrophen in der Welt bei der Wahl der Energien endlich ethisch zu denken, ohne blindes Vertrauen auf atomare Hochtechnologie. Die Religionen wenden sich gegen den Konsumismus und die ungezügelte materielle Gier, die untrennbar zum gegenwärtigen Energie- und Wirtschaftssystem dazugehörten. Man müsse viel mehr als bisher vernetzt denken und die unsichtbar gemachten Opfer und Leidtragenden der Atomkraft einbeziehen.

Welche Chance hat die Öko-Bewegung in Japan?

Okano: Sie wird immer relevanter werden. Seit Juli arbeitet bei uns eine Grüne Partei, nach deutschem Vorbild. Und wir haben ja unsere eigene Öko-Tradition, in der Shozo Tanaka, ein ökologisch gesinnter, renommierter Politiker vom Beginn des 20. Jahrhunderts, hervorzuheben ist. Seine Maxime lautete: Die wahre Zivilisation ruiniert keine Berge, keine Flüsse, sie zerstört auch keine Dörfer, sie tötet keine Menschen. Dies ist seit Fukushima aktueller denn je.

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Personalaudioinformationstext:   Haruko K. Okano, Theologin und Gesellschaftswissenschaftlerin, lehrt als Professorin an der Katholischen Frauen-Universität Seisen in Tokio.
Schlagwörter: Atomausstieg Atomkraft Japan
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