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Klimawandel: Katastrophe und Chance?

Der Kohlendioxid-Ausstoß hat weltweit 2012 eine neue Rekordhöhe erreicht. Auch in Deutschland steigen die Emissionen. Prominente warnen in einem »GenerationenManifest« vor den Folgen und fordern mehr Engagement gegen den Klimawandel. Der Kampf dagegen könnte zu einer großen Chance für die Welt werden, sagen Wissenschaftler
von Markus Dobstadt vom 17.06.2013
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Die zweite Hochwasserkatastrophe in Deutschland innerhalb von elf Jahren: Vorbote künftiger, noch viel schlimmerer Klimaveränderungen? (Foto: pa/Wolf)
Die zweite Hochwasserkatastrophe in Deutschland innerhalb von elf Jahren: Vorbote künftiger, noch viel schlimmerer Klimaveränderungen? (Foto: pa/Wolf)

Wie sehr die Hochwasserkatastrophe in Deutschland mit dem Klimawandel zu tun hat, kann niemand ganz genau sagen, lokale Wetterereignisse hängen von zu vielen Faktoren ab. Der Klimaforscher Mojib Latif sagte dem Focus allerdings, es dränge »sich einem schon der Verdacht auf, dass das nicht mehr mit rechten Dingen zugeht«.

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Klar ist, dass in einer erwärmten Welt Wetterextreme häufiger werden. Wissenschaftler weisen immer drängender darauf hin, dass der Ausstoß von Kohlendioxid reduziert werden muss, um eine katastrophale Entwicklung zu verhindern. Bisher verhallen ihre Warnungen jedoch weitgehend ungehört. Die Emissionen steigen und erreichen immer neue Rekordwerte. Fatih Birol, der Chefökonom der Internationalen Energieagentur (IEA), hat am 10. Juni bekanntgegeben, dass 2012 weltweit 31,6 Milliarden Tonnen CO2 in die Luft geblasen wurden, das sind 1,4 Prozent mehr als 2011. In Deutschland lagen die Emissionen dem Bericht zufolge um 2,2 Prozent höher als im Vorjahr.

Die Welt ächzt unter dieser Last und ist dabei, sich zu verändern. Nach dem bislang jüngsten vierten Weltklimabericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) aus dem Jahr 2007 hat sich allein von »1906 bis 2005 die Durchschnittstemperatur an der Erdoberfläche um 0,74 Grad erhöht. Für die Wissenschaftler vom Global Carbon Projekt, einem Zusamenschluss von renommierten Klimaforschern, steuert die Welt »auf eine Erwärmung von rund fünf Grad Celsius bis zum Jahr 2100 zu« – wenn nicht gegengesteuert wird.

Arktische Eisfläche hat sich im Sommer halbiert

Wie viel Kohlendioxid verkraftet die Erde, bevor sie sich tiefgreifend verändert? Wolfgang Lucht, der zusammen mit Stefan Rahmstorf den Forschungsbereich Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) leitet, erklärt: Es gebe eine Gesamtmenge an ausgestoßenem CO2, die nicht überschritten werden sollte, wenn sich die Erde um nicht mehr als zwei Grad —das ist das vereinbarte Klimaziel – erwärmen soll. »Wenn wir allerdings weitermachen wie bisher, ist dieses Kontingent bereits im Jahr 2030 aufgebraucht. Es verbleiben rund 650 Milliarden Tonnen CO2, eine fixe Menge«.

An vielen Stellen der Welt hat der Klimawandel bereits eingesetzt und zeigt gravierende Folgen. Die Eisfläche in der Arktis schmolz im Sommer 2012 auf eine Fläche von 3,4 Millionen Quadratkilometer zusammen Das ist der kleinste Wert seit Beginn der Satelittenmessungen im Jahr 1973. In den letzten dreißig Jahren hat sich die Eisfläche im arktischen Sommer damit halbiert.

Hitzerekorde in Australien und Hurrikanes in den USA, das gibt es heute schon. In Russland forderte die Hitzewelle 2010 Schätzungen zufolge Tausende Opfer und verursachte Schäden in Höhe von 15 Milliarden US-Dollar. Auch in Europa drohen häufigere Wetterextreme: Heiße Sommer, Hochwasser und Insektenplagen, so wird es in dem Buch »Zwei Grad mehr in Deutschland: Wie der Klimawandel unseren Alltag verändern wird« beschrieben. Herausgegeben haben es Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe und Harald Welzer. Die Veränderungen werden demnach belastend aber nicht so katastrophal werden wie in anderen Regionen der Welt.

Weltbank-Chef: »Eine vier Grad wärmere Welt muss vermieden werden«

Die müssen mit deutlich schlimmeren Folgen rechnen. Ein für die Weltbank erstellter Report des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und von Climate Analytics aus Berlin zeichnet für südlichere Weltregionen ein drastisches Szenario. Die Folge einer Erwärmung um vier Grad wäre ein »Hunderte Millionen Menschen betreffender Anstieg des Meeresspiegels und Missernten, welche die globale Ernährungssicherheit gefährden«. Das Meer kann noch in diesem Jahrhundert um 50 bis 100 Zentimeter steigen, und danach noch deutlich höher. Einen besonders hohen Anstieg erwartet der Bericht an den Küsten von den Philippinen, von Mexiko und Indien. Weltbank-Chef Jim Yong Kim erklärte, nachdem er sich den Bericht im November 2012 persönlich von PIK-Direktor Hans Joachim Schellnhuber hat vorstellen lassen: »Eine vier Grad wärmere Welt kann und muss vermieden werden«.

GenerationenManifest prominenter Deutscher

In Deutschland werfen 28 Prominente der Politik, nicht nur der Regierung, vor, viel zu wenig gegen den sich abzeichnenden Klimawandel zu tun. Unter ihnen sind die Wissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker und Harald Welzer, der Sänger Marius Müller-Westernhagen und der Journalist Franz Alt. Sie haben ihre Kritik in einem »GenerationenManifest« formuliert. Unter anderem fordern sie, die Bekämpfung des Klimawandels als Staatsziel in die Verfassung aufzunehmen. Sie wollen mehr Engagement für die Energiewende in Deutschland, eine stärkere Beteiligung von Bürgern an politischen Entscheidungsprozessen, eine Regulierung der privaten Finanzwirtschaft und mehr Anstrengungen zur Bekämpfung von Hunger, Armut und Unterentwicklung in der Welt.

Gesucht: Eine neue Form der Zivilgesellschaft

Das Manifest greift die Wut vieler Bürger auf, die sich an politischen Entscheidungen zu wenig beteiligt fühlen. Aber ihr Engagement zeigt, dass der Klimawandel auch große Chancen bieten kann. Die Unterzeichner sehen ihr Manifest als »eine Einladung zum Dialog, den wir einfordern«. Dabei geht es um große Fragen, die nicht nur Deutschland betreffen: »Wir fordern eine Strategie des Wandels für Deutschland, Europa und die Welt« und einen »Schulterschluss mit den Schwellen- und Entwicklungsländern, die aufgrund ihrer dynamischen Entwicklung eine besondere Bedeutung für alle Themen der Nachhaltigkeit haben«. Die Initiatoren des Appells wollen 100 000 Bürgerinnen und Bürger dafür gewinnen, es zu unterschreiben.

Wenn umgesetzt würde, was das Manifest fordert, würde sich nicht nur das meteorologische Klima in der Welt verändern. Möglich wäre auch ein neuer Umgang der Länder untereinander. »Eine neue Form der Zivilgesellschaft auf globaler Ebene, das ist die Herausforderung und die Chance in dieser Krise«, sagt etwa der Wissenschaftler Wolfgang Lucht. Der Politologe Claus Leggewie fordert einen Aufbruch in eine neue Demokratie, einen neuen Gesellschaftsvertrag zwischen Bürgern und Regierungen, nur so ließen sich die kommenden großen Konflikte – in Deutschland etwa zum Atommüll-Endlager und der Energiewende – lösen. So könnte der Klimawandel langfristig auch die Demokratie verändern.

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Personalaudioinformationstext:   Markus Dobstadt ist regelmäßiger Mitarbeiter von Publik-Forum
Schlagwörter: Katastrophe Klimawandel
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