Lutherpreis für Pussy Riot?
»ICH FINDE ES SEHR GUT, DASS PUSSY RIOT möglicherweise den Preis der Luther-Städte »Das unerschrockene Wort« bekommen soll. Und ich spüre bei den Ablehnern viel Unwissen. Diese Leute haben wirklich keine Ahnung. Sie kritisieren die vorgeschlagene Auszeichnung nur aufgrund von ein paar flüchtigen Eindrücken. Man muss, um die Frauen zu verstehen, das Umfeld betrachten und eben davon auch so einiges wissen.
Es war ein Punk-Gebet, ein Stoßgebet, mit dem alles begann. Das ist nicht neu in der russisch-orthodoxen Kirche. Man hat sich da schon immer, wenn sich Menschen ohnmächtig und schwach gefühlt haben, an die Gottesmutter gewandt, um das Böse zu vertreiben. Das war in den Zeiten der schrecklichen Zarenherrschaft so. Oder auch nach der Oktoberrevolution, als die Bolschewiki Klöster und Kirchen geplündert und Gläubige verfolgt haben. Das umstrittene Stoßgebet der Frauen ist also nichts Ungewöhnliches, das folgt einer Tradition.
Dass es schrill war, hängt damit zusammen, dass die Frauen Aufmerksamkeit erzielen wollten. Es ist einfach auch eine Kunst, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Das ist ihnen gelungen. Die Welt hat mehr auf die Zustände in Russland geschaut als bei den Journalistenmorden, den Demonstrationen und Menschenrechtsverletzungen. Man hat übrigens auch durch den Prozess gegen die Frauen den Zustand dieser Willkürjustiz gesehen: Man sollte also das Ganze betrachten, nicht nur ihren Auftritt in der Erlöser-Kathedrale.
Die Gruppe hat sich vor nicht allzu langer Zeit gegründet, als Putin und Medwedew ihre zynische Macht-Rochade vollzogen und die Enttäuschung darüber viele junge Menschen auf die Straße getrieben hat. Pussy Riot hat diesen Protest der Straße »Russland ohne Putin« in die Kirche getragen. Also: »Mutter Maria, Ave Maria, erlöse uns von Putin.« Das ist nichts anderes als die Forderung nach einem Russland ohne Putin. Die Frauen haben die unheilige Allianz zwischen Kreml und Kirche angegriffen, mit der man in Russland so eine Art orthodoxe Zivilisation im Gegensatz zum Westen aufbauen möchte.
Und schließlich: Sie haben den alltäglichen männlichen Sexismus angegriffen, indem sie selbstbewusst ihr Geschlechtsorgan im Namen erwähnt haben. Wem das suspekt erscheint wie Friedrich Schorlemmer und wer sich darüber als »Muschi-Krawall« lustig macht, der hat diesen Aspekt des Protests nicht verstanden. Er ist auch ein Frauen-Aufstand. Wenn man das wahrnimmt, liegt man richtig.
Das alles ist im Sinne von Luther. Denn was hat denn der Reformator gemacht? Er hat die Obrigkeit angegriffen, er hat die Unfehlbarkeit des Papstes angegriffen. Die Frauen von Pussy Riot haben den Patriarchen angegriffen, der gesagt hat: »Putin ist von Gott gesandt. Putin müsst ihr vertrauen. Geht nicht gegen Putin demonstrieren.« Das hat sie erregt und empört. Stellen Sie sich vor, der Papst würde im Petersdom sagen: »Berlusconi müsst ihr wieder wählen. Der ist von Gott gesandt, dem könnt ihr vertrauen.« Ich glaube, da würde es auch rumoren.
Ich habe übrigens Pussy Riot für den vom Europaparlament vergebenen Sacharow-Preis für Meinungsfreiheit vorgeschlagen. Und ich freue mich, dass die Band in die engere Wahl gekommen ist.«
Friedrich Schorlemmer: »Nein, diese Art der Kritik hat keinen Preis verdient«
»ICH FINDE DIE KRITIK VON PUSSY RIOT berechtigt. Aber die Art dieser Kritik ist nicht preiswürdig und der Ort der Kritik – der Altarraum einer orthodoxen Kirche – verletzt kalkuliert religiöse Gefühle.
2011 habe ich die Lutherpreis-Laudatio für Dmitri Muratow von der russischen Tageszeitung Nowaja Gaseta gehalten. Er leitet die Redaktion einer kleinen Zeitung, die zu einer großen Insel der Freiheit, des freien Wortes geworden ist. Und ich finde, die Arbeit dieser Redaktion, den Mut der ermordeten Anna Politkowskaja sowie aller dort tätigen Journalisten sollte man nicht in eine Reihe mit der schrillen, auf extreme Anstößigkeit angelegten Aktion von Pussy Riot stellen.
Natürlich hat politische Provokation in der Kirche einen Platz, wenn Unfreiheit oder Unterdrückung herrschen. Nur finde ich, dass das Gebet keine geeignete Ausdrucksform für Provokation ist, wenn die Gebetsform lediglich »benutzt« wird. Es war ein »Gebet« von Frauen, die sonst nicht beten und es offensichtlich darauf angelegt hatten, Putin und Kyrill mit höchstmöglichem Aufmerksamkeitseffekt zu kritisieren. Sie nahmen dabei die Verletzung der Gefühle tiefgläubiger orthodoxer Christen in Kauf, die die Kathedrale, in der das alles geschah, erst vor wenigen Jahren hatten »wiederauferstehen« sehen, nachdem sie unter Stalin abgerissen worden war. Unter diesen Gläubigen sind viele ältere Menschen, deren Glaube jahrzehntelang verächtlich gemacht wurde und die erst in den letzten Jahren begonnen haben, wieder Hoffnung zu schöpfen.
Pussy Riot – übersetzen ließe sich das mit »Muschi Krawall« – erheischt mit dem denkbar Schrillsten weltweite Aufmerksamkeit. Bei ihrer Aktion in der Kirche sangen die Frauen zum Beispiel, die Mutter Gottes solle Putin vertreiben und sie solle Feministin werden. Der Refrain enthält Worte wie »Scheiße des Herrn«. Ich finde einfach, das gehört nicht in eine Kirche, zumal nicht vor die Ikonostase, also nicht vor die mit Ikonen – auch von Maria – bestückte Wand im Altarraum, wohin nur der Priester darf.
Im Frühjahr dieses Jahres haben über 10.000 Menschen vor der Kirche gegen die exzessive Pussy-Provokation protestiert. Die Punk-Frauen hatten all das, was den orthodoxen Kirchen heilig ist, nämlich die Mutter Maria und die Ikonen, als Kulisse für ihren Protest mit Video-Clip genommen. Haben sie je darüber nachgedacht, dass eine solche Kritikform ganz kontraproduktiv wirken und Putin sogar von dessen Kritikern Zustimmung bringen könnte? Und was sollte 2008 die öffentliche Gruppensexorgie unter Beteiligung der hochschwangeren, jetzt verurteilten Nadeschda Tolokonnikowa?
Ich stelle mir vor, man würde wegen der kritikwürdigen Siedlungspolitik von Israels Premier Netanjahu vergleichbar ehrenrührige Aktionen an der Klagemauer in Jerusalem machen. Oder im Petersdom gegen Berlusconi und sein Medienimperium in einer Sprache reden, wie Pussy Riot sie benutzte. Oder gegen Gaucks Rede von den »Mutbürgern in Uniform« im Berliner Dom protestieren – in solch einem Tonfall oder solcher Diktion. Ich weiß nicht, wie wir in Deutschland reagieren würden.
Vollkommen klar ist allerdings: Für politische Provokationen dürfen die Frauen nicht in eines der berüchtigten Straflager kommen! Scharfe Kritik muss – etwa auf dem Roten Platz oder vor der Residenz des Patriarchen – möglich sein. Wir sollten deshalb die Arbeit von Amnesty International unterstützen, auch finanziell. Wissend, welche Verhältnisse (seit Dostojewski) in russischen Lagern herrschen.
Freiheit für die beiden Frauen, die zu zwei Jahren Straflager verurteilt wurden! – Aber keinen Preis für solche Aktionsformen.«
