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Mit Jesus im US-Wahlkampf

Einen Katholiken im Weißen Haus hat es seit John F. Kennedy nicht mehr gegeben. Das wird auch so bleiben. Denn der Wahlkampf in den USA zeigt immer klarer: Die Kulturkämpfer Rick Santorum und Newt Gingrich haben nicht das Format, Barack Obama das Präsidentenamt streitig zu machen
von Barbara Jentzsch vom 29.02.2012
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Newt Gingrich (links) oder Rick Santorum (rechts): Wird keiner der beiden Katholiken am Ende im Weißen Haus landen? (Foto: pa/Blanco)
Newt Gingrich (links) oder Rick Santorum (rechts): Wird keiner der beiden Katholiken am Ende im Weißen Haus landen? (Foto: pa/Blanco)

Zwei Katholiken versuchen, Obama aus dem Weißen Haus zu vertreiben: Newt Gingrich will von dort aus den Mond kolonisieren - doch in manchen Bundesstaaten hat es nicht mal zur Kandidatur gereicht. Rick Santorum hat recht unerwartet drei Vorwahlen auf einmal gewonnen - doch ob er bis zum Parteitag der Republikaner im August durchhalten geschweige denn den Spitzenreiter Mitt Romney schlagen kann, ist die Frage.

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Die Vorwahlen in über 40 Bundesstaaten stehen noch aus. Der Mormone Mitt Romney mag kein berauschender Kandidat sein, doch er schlägt die Katholiken Santorum und Gingrich um Längen, wenn es um die Professionalität des Wahlkampfteams und die unerschöpflich tiefen Taschen seines Super-Pacs geht. Während Romney sich um die Stimmen der Mormonen keine Sorgen zu machen braucht, lässt sich im im katholischen Wählerblock kein messbarer pro-Santorum oder pro-Gingrich Trend entdecken.

Die Zurückhaltung vieler Katholiken gegenüber dem früheren Senator Santorum und dem ehemaligen Mehrheitsführer im Kongress Gingrich hat konkrete Gründe: Beide Kandidaten haben sich bei Wahlveranstaltungen wiederholt durch unverhüllt rassistische Äußerungen disqualifiziert. In einem offenen Brief von vierzig prominenten katholischen Theologen wurden sie aufgefordert, ihre beleidigende Rhetorik zu unterlassen und eine Agenda zu unterstützen, die sich für soziale und ökonomische Gerechtigkeit einsetzt.

Vor allem Evangelikale lieben den erzkonservativen Katholiken Santorum

Die mangelnde Begeisterung katholischer Wähler für Santorum und Gingrich hat aber mehr noch mit der politischen und privaten Biografie der beiden erzkonservativen Kandidaten zu tun: Der siebenfache Familienvater Santorum gilt unter den verbliebenen republikanischen Kandidaten als härtester Verfechter der »pro-life«-Ideologie und schärfster Gegner der Homo-Ehe. Dass Santorum Homosexualität mit Polygamie, Inzest und Sodomie gleichsetzt, geht vielen Katholiken entschieden zu weit. Missfallen erregen auch seine rigiden Positionen zur Einwanderung, sein Eifer, die Atom-Anlagen Irans zu bombardieren und die Behauptung, dass das Westjordanland ein Teil Israels sei. Auch Santorums Drang zum Jesus-Kandidaten kommt nicht gut an. »Jesus war kein Kriegstreiber«, schreibt der Autor Gary Kamiya, »er zeigte keine Verachtung für die Armen, war kein Scheinheiliger und auch keiner, der sich anpasste.« Amerikas Evangelikalen spricht »Jesus Santorum« jedoch aus dem Herzen. Kurz vor der South Carolina Vorwahl im Januar 2012 gaben 150 prominente Evangelikale eine überraschende Wahlempfehlung für Rick Santorum ab.

Ein römisch-katholischer Politiker als Favorit der Evangelikalen? Wie passt das zusammen? Kommentar der New York Times zu der seit den 1980er Jahren zu beobachtenden Annäherung von Fundamentalisten und konservativen Katholiken: »Wir erleben eine neue Ära. Konservative Katholiken und evangelikale Protestanten haben sich verbündet: zum ‘Entscheidungskampf’ gegen Abtreibung, gleichgeschlechtliche Ehe und Säkularismus.«

Santorum fühlt sich durchaus wohl in der Rolle des konservativen Integrierers. Er hält sich für ein Aushängeschild der reinen römischen Lehre; auch sein Privatleben muss für seine moralischen Kreuzzüge herhalten. So sind beispielsweise Verhütungsmittel für ihn und seine Frau nie in Frage gekommen. Karen war 44 Jahre alt, als sie ihre jüngste Tochter Bella zur Welt brachte. Bella ist schwerbehindert. Sie wurde mit Trisomie 18 geboren, einer genetischen Krankheit, die Babys selten lange überleben lässt. Dass Bella noch lebt, hält ihr Vater für ein Wunder. Der Kandidat rührt seine Zuhörer regelmäßig zu Tränen, wenn er über die Geburt Bellas, die Opfer seiner Familie und das Leiden des Kindes spricht. In einem bemerkenswert offenen, respektvollen Artikel im online-Forum Religion Dispatches fragt der Theologieprofessor Ivan Strenski, ob es wohl verantwortungsvoller Katholizismus war, das berechenbare Risiko einzugehen und ein todgeweihtes, massiv leidendes Kind zur Welt zu bringen.

Rick Santorum hat liberalen katholischen Politikern wie Edward Kennedy und John Kerry mehrfach vorgeworfen, ihren Glauben »geheim zu halten«. Der Jesus-Kandidat dagegen geht mit seinem Glauben hausieren. In der Hoffnung, dass er ihn ins Weiße Haus trägt.

Gingrich ist Konvertit - nicht zum ersten Mal

Der flinke Gingrich hat zwar schon einen Film über Papst Benedikt gedreht, aber er weilt noch nicht lange im Schoß der römisch-katholischen Kirche. Aufgewachsen als Lutheraner, fand Gingrich im College zu den Southern Baptists. 2009 trat er dann zum Katholizismus über. Sein jüngster Glaubenswechsel wird in Washington als »conversion of convenience« bezeichnet. Als ein kalkulierter, vorteilhafter Schritt, von dem Gingrich sich moralische Deckung für seine dritte Ehe mit der 23 Jahre jüngeren Kongress-Mitarbeiterin Callista Bisek versprochen habe, die sechs Jahre seine Geliebte war. Mit Callista vergnügte sich der verheiratete Newt schon Mitte der 1990er Jahre, als er als einer der ersten und lautesten die außerehelichen Eskapaden von Bill Clinton anprangerte und dessen Amtsenthebung forderte. Gingrichs arrogante Doppelmoral offenbarte sich auch in einer Spendengeld-Affäre, bei der er den Kongress belog, und für die ihn das Ethikkomitee 1997 zu einem Rekordbußgeld von 300 000 Dollar verurteilte. Nach seinem Ausscheiden aus dem Kongress schrieb der studierte Geschichtsprofessor drei wenig beachtete Bücher, verdingte sich beim rechten Nachrichtensender Fox News als Kommentator und machte Millionen mit der Gründung von Beratungsfirmen.

Im laufenden Wahlkampf gibt sich Gingrich nun als radikal konservatives Gegengewicht zu dem vergleichsweise gemäßigten Romney. Seine unstrukturierte »stop-and-go-Kampagne« wird von einem Kasino-Milliardär und dessen israelischer Frau am Leben gehalten, die Gingrichs Nähe zu Netanjahu schätzen - und seine bizarre Äußerung, die Palästinenser seien »ein erfundenes Volk«, mit zwei fünf Millionen Dollar Schecks belohnt haben. Um den in den Umfragewerten zwischenzeitlich drastisch abgesackten Gingrich möglichst lange im Rennen zu halten, legte Gingrichs Kasino-Gönner jüngst noch mal zehn Millionen drauf.

Sarah Palin und der Tea-Party gefällt die Chuzpe, mit der sich der Insider Gingrich als Outsider und Rebell gegen die Eliten in Washington verkauft. Doch was Gingrich mit giftigen Parolen am rechten Rand gewinnt, verliert er im Gegenzug bei moderaten Katholiken. Die sind über Romney zwar nicht glücklich, aber sie würden ihn dem verbalen Brandstifter Gingrich und dem fundamentalistischen Hardliner Santorum vorziehen.

Die Republikaner feixen: Bischöfe streiten sich mit Obama

Das spektakuläre Gerangel der Republikaner wird im Weißen Haus mit Vergnügen betrachtet. Doch jüngst sind Wolken aufgezogen. Obamas neues Gesetz zur Gesundheitsfürsorge enthält einen Passus zur kostenlosen Abdeckung von Verhütungsmitteln, der ihm einmal mehr den Zorn der katholischen Bischöfe eingebracht hat. Der Streit zwischen dem Präsidenten und den Bischöfen kommt den Republikanern sehr gelegen. Gingrich spricht vom »Krieg gegen die katholische Kirche«, Santorum sieht eine »Bedrohung der Religionsfreiheit«. Romney hält die »Gewissensfreiheit von Christen« für bedroht.

In der Hoffnung, endlich auf ein heißes Wahlkampfthema gestoßen zu sein, haben die Republikaner im Kongress bereits ein Gesetz zur »Wiederherstellung der religiösen Freiheit« eingebracht. Doch sie könnten sich die Finger verbrennen, denn Amerika ist nicht geneigt, sich ausgerechnet von den Bischöfen über die moralische Dimension von Familienplanung und Verhütung belehren zu lassen. Die 350 Bischöfe der Nationalen Bischofskonferenz sprechen in dieser Frage schlicht nicht für 68 Millionen Katholiken. Die sehen durch den Zugang zu Verhütungsmitteln weder ihr Gewissen noch ihre religiöse Freiheit bedroht.

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Personalaudioinformationstext:   Barbara Jentzsch berichtet seit über dreißig Jahren aus den USA - für Radiostationen, Publik-Forum und Publik-Forum.de. Sie lebt im Bundesstaat Virginia.
Schlagwort: Evangelikale
Publik-Forum
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