»Mohammed ist nicht das Problem«
Herr Friedrich, was ist das Ziel von Satire?
Jesko Friedrich: Das Ziel von Satire ist, einen veränderbaren schlechten Zustand anzuprangern.
Sie haben - gerade mit der Figur Johannes Schlüter - auch Witze über religiöse Extremisten gemacht. Das hatte also immer das Ziel, den Zustand des religiösen Extremismus zu kritisieren?
Friedrich: Das stimmt. Vor allem dann, wenn es kriminell wird. Also, wenn sogar Morde im Namen von Religion begangen werden. Dann haben wir einen veränderbaren schlechten Zustand, den ich anprangern will.
Die französische Zeitung »Charlie Hebdo« hat Mohammed-Karikaturen veröffentlicht. Eine gute Idee?
Friedrich: Vor allem die bewusst herabwürdigenden Karikaturen finde ich unnötig. Gerade aus satirischer Sicht ist doch die Frage: Was möchte man erreichen? Jenseits einer Provokation sehe ich da eigentlich einen geringen Nutzen. Hier soll provoziert werden. Und die Gegenseite wird sich dankbar provozieren lassen.
Was war denn das Ziel der Redakteure, die sich für diese Satire entschieden haben?
Friedrich: Ich glaube, das ist eine Mischung aus dem Wunsch, Aufmerksamkeit zu erregen und die Auflage zu steigern, und dem Bedürfnis, symbolisch zu zeigen, dass man nicht gewillt ist, seine Meinungsfreiheit aufgrund von Gewaltandrohungen einschränken zu lassen. Letzteres ist in der Tat wichtig, aber es wäre eleganter, die Meinungsfreiheit eher für pointierte Karikaturen als für plumpe Beleidigungen in Anspruch zu nehmen.
Besteht die Gefahr, dass Satire sich nicht zum Teil der Kritik und damit der Lösung, sondern zum Teil des Problems und einer Spirale der Gewalt macht?
Friedrich: Ja. Wir haben gerade am Mittwoch einen Film bei extra3 gemacht. In diesem ging es darum, dass die Fanatiker und Provokateure auf allen Seiten eigentlich an einem Strang ziehen, mit dem gemeinsamen Ziel der Radikalisierung und Eskalation. Wenn Satire die Benennung eines Problems mit gezielter Verletzung und Herabwürdigung kombiniert, dann gehört sie auch zu dieser Gruppe.
Haben Sie sich als Satiriker schon mal über religiöse Inhalte lustig gemacht?
Friedrich: In unserem Buch »Ich bin zu viele - die 23 irren Leben des Johannes Schlüter« lassen mein Kollege Dennis Kaupp und ich den Protagonisten Johannes Schlüter Messdiener, Mönch und Moslem sein, und natürlich können bestimmte Stellen als verletzend wahrgenommen werden. Aber wir machen nicht Glaube und Religion lächerlich, sondern die menschlich-fehlerbehafteten Repräsentanten der Kirche und religiösen Extremismus. Damit stehen wir quasi auf der Seite der Religion selbst, die ja erst durch menschliches Fehlverhalten ihren schlechten Ruf bekommt. Bei extra3 haben wir ein Korrektiv in Form der Redaktionskonferenz und des betreuenden Redakteurs. Die Grundsätze, dass man einen klar umrissenen satirischen »Feind« und ein Fehlverhalten benennen muss, stehen schon seit einigen Jahren und werden in allen Beiträgen überprüft. Ein sinnloses Lächerlichmachen von Religionen ist nicht unser Anliegen und führt auch zu nichts.
Also darf Satire nicht alles?
Friedrich: Doch, Satire darf alles. Aber ein sinnloses Lächerlichmachen ist keine Satire, weil es kein Anliegen hat. Definitionsgemäß würde ich deshalb einige Karikaturen in der Charlie Hebdo als Comedy einordnen. Die satirischen »Feinde« sind zwar Radikalismus und Fundamentalismus. Diese werden vor allem auf einer Metaebene gesucht und provoziert. Aber das Dargestelle selbst, und nur darum kann es ja eigentlich gehen, richtet sich gegen eine historische Figur, deren eventuelles Fehlverhalten, wenn es denn überhaupt aus der Karikatur ersichtlich wird, gar nicht mehr korrigierbar wäre. Es ist also in erster Linie Provokation.
Das deutsche Satiremagazin »Titanic« hat angekündigt, auf dem Titel ihrer Oktoberausgabe Bettina Wulff zusammen mit einem muslimischen Krieger abzubilden, der offenbar Mohammed darstellen soll. Die Überschrift soll lauten: »Der Westen im Aufruhr: Bettina Wulff dreht Mohammed-Film«. Was halten Sie von dieser Idee?
Friedrich: Ich weiß nicht genau, was die Titanic damit bezweckt. Das ist vielleicht die gleiche Mischung aus dem Wunsch, einerseits die Auflage zu steigern und andererseits möglicherweise die Pressefreiheit provokant zu verteidigen. Aber ich sehe nicht ganz den satirischen Anspruch, den wir bei extra3 haben. Indem ich Mohammed herabwürdigend darstelle, prangere ich ja keinen veränderbaren Zustand an. Anders als Fanatiker, die man satirisch darstellen kann, ist die Person Mohammeds kein Akteur, dem man jetzt veränderbares Fehlverhalten vorwerfen kann. Und genau darum geht es bei Satire.
Wie wichtig ist es für Satire in diesem Fall, eine differenzierte Meinung zu zeigen?
Friedrich: Auf keinen Fall sollte man jetzt Satire produzieren, die sich gegen alle Moslems richtet. Die Mehrheit der Muslime ist ja an einem friedlichen menschlichen Miteinander interessiert, aber die Medien berichten nur über diejenigen meist jungen Männer, die ihre Wut in Gewalt umsetzen. Ich glaube, die Grenze verläuft nicht zwischen Christen und Muslimen, sondern zwischen gemäßigten Menschen, die ihren religiösen Gefühlen und auch ihrer Wut Ausdruck verleihen dürfen, und kriminellen Elementen. Bei extra3 kritisieren wir deshalb den Fanatismus und die kriminelle Gewalt, die sich eines religiösen Vorwandes bedient, würden aber keine Mohammed-Karikaturen herstellen, die keinen satirischen Zweck verfolgen. Ich glaube, dass man einen Kriminellen auch einen Kriminellen nennen darf, wenn es beispielsweise um Sachbeschädigung, Körperverletzung und Mord geht, auch wenn das im Namen der Religion passiert. »Die Muslime« sind nicht das Problem. Sondern der kleine Prozentsatz jener, die aus vorgeschobenen religiösen Gründen kriminell werden. Es besteht außerdem bei vielen Muslimen Nachholbedarf bei der Differenzierung zwischen Einzelmeinung, Bevölkerungskonsens und Regierungsposition. Das Problem ist aber nicht der Prophet Mohammed – und es ist auch nicht der Islam als solches.
